„Denn wir wissen, was wir sollen“ – Das Potenzial der Ideen von 1968 ist die Messlatte für die Situation heute

„Wieder revolutionieren wir. Auf der ganzen Erde aber diesmal. Setzen wir uns jetzt das höchstmögliche Ziel: eine Bewußtwerdung, daß die ganze Menschheit auf dem Spiel steht.“ Das schrieb 1968 Karlheinz Stockhausen in seinem „Freibrief an die Jugend“, veröffentlicht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22. August 1968. „Nehmen wir also an der großen Revolution der Menschheit teil, denn wir wissen, was wir sollen. Es lohnt sich, das Leben einzusetzen, wenn es ums Ganze geht. Ja!“ Solche Emphase ist selbst unter Nichtmusikern selten. Was war passiert?

Die Situation ist kurz zu skizzieren: Mit den 68ern bündeln sich die vorangegangenen Entwicklungen: musikalisch, gesellschaftlich, national und global. Sie wirken aus heutiger Sicht wie ein Brennglas und wie eine Trennscheibe zugleich: „Sozialismus oder Barbarei“ rufen sie in Frankreich, in Deutschland kämpft man mit dem personellen Nachlass des Nationalsozialismus, der immer noch in führenden Positionen des gesellschaftlichen Lebens sein mehr oder minder maskiertes Unwesen treibt. Das alles vor dem Hintergrund von Vietnam-Krieg, der Ermordung Martin Luther-Kings, chinesischer Kulturrevolution, Notstandsgesetzen, kaltem Krieg sowie der Niederschlagung des Prager Frühlings und der Dekolonialisierungsprozesse in Afrika, Asien und Südamerika – wo zur gleichen Zeit noch in Spanien oder Griechenland faschistische Diktatoren ihr Unwesen treiben.

Viel zu tun. Foto: Hufner

Viel zu tun. Foto: Hufner

Das konnte auch auf der Insel der Musikseligen nicht ohne Widerspiel bleiben. Diese Aspekte verfolgt in dieser Ausgabe der nmz Anna Schürmer in ihrem Beitrag „Zum ‚Querstand‘ von Kunst und Politik im Kontext des langen Jahres 1968“ (Seite 19). Die damit einhergehenden, geradezu hysterischen Reaktionen, analysiert auf Seite 21 Albrecht Dümling am Beispiel der Aufführung von Hans-Werner Henzes „Das Floß der Medusa“. Auf die Veränderungen in der Pop- und Rockmusik sowie im Jazz können wir leider gar nicht eingehen. Das alles, in Deutschland, vor gesülzten und zu Schmankerln herunterinszenierten Operetten, einer Schlagerindustrie und mental erstarrter „Blauer-Bock“-Sedierungsästhetik.

Stockhausens Weg in die esoterische Weltallrevolution folgte auf dem Fuß (siehe Schürmer). All das ist bestens dazu angetan, die Sache durch eine Mythenbildung kaltzustellen. „68“ als Mythos für eine sich radikalisierende Gesellschaft, die von den einen nostalgisch verbrämt, von anderen als uneingelöstes Versprechen und von wieder anderen als zu überwindende Fehlentwicklung interpretiert wird. „Achtundsechzig sitzt wie ein Pfahl im Fleische dieser verstärkt nach neuer Übersichtlichkeit und verläßlicher Ordnung Ausschau haltenden Gesellschaft“, schreibt der Hannoveraner Soziologe Oskar Negt in seinem Rückblick und ergänzt: „Irgendetwas wird nach wie vor als Provokation empfunden, als Herausforderung an die etablierten Mächte, die spüren, daß in dieser Bewegung auch ein Wahrheitsgehalt, etwas Plausibeles und Richtiges enthalten ist.“

So werden die 68er zur Projektionsfläche auf der sich Erreichtes, Verfehltes, manche Utopie und manche Enttäuschung spiegelt. Bis zu einem gewissen Maße könnte man paradoxerweise auch sagen: „Die“ 68er, die gibt es nicht. Aber Spuren ihrer emanzipatorischen Ideen, die lassen sich verfolgen: In den Bildungssystemen beispielsweise mit neuen Schulformen, der Öffnung der Universitäten. In der Entwicklung der Mitbestimmungsrechte und Rechte der Arbeiter. Die Medien der Öffentlichkeit und – umgekehrt – die Öffentlichkeit der Medien werden zum Thema. Demokratie („die einzig verfasste Gesellschaftsform, die gelernt werden muss“, Oskar Negt) soll wieder gewagt werden. Zu denken ist beispielsweise an die Neugründung von Musikzeitschriften wie der „Zeitschrift für Musiktheorie“, die ab 1971, herausgegeben von Frieder Reininghaus, Habakuk Traber und Peter Rummenhöller, erscheint. Musiktheorie wird hier als politische Wissenschaft verstanden, die Musik als gesellschaftliches Phänomen erkennt. Sichtbar wird dies an den Beiträgen zum Beethovenkongress (1970), die explizit Fragen auf die gesellschaftlichen Bedingungen von Musikproduktion und dem Selbstverständnis der Musikwissenschaft selbst lenkt. Ähnliche Bewegungen in der Musikpädagogik wie bei Ulrich Günther in Oldenburg und dem „Oldenburger Modell“ gegen das sich massiver Widerstand regte. Die Wissenschaft wird kritisch. Sie reflektiert sich dabei als ihr eigener Gegenstand: Keine Erkenntnis ohne Interesse. Kritische Psychologie, kritische Rechtswissenschaft, kritische Musik.

Das Potenzial (!) der 68er-Ideen wird damit zur Messlatte für die aktuelle Situation. Und da tut der Rückblick etwas weh: In vielen Punkten will die Gesellschaft wieder zurückrudern. Da wäre die wieder zunehmende Verschulung der Schule und Universitätsausbildung mit ihrem Bologna-Prozess (fast widerstandslos akzeptiert), da wäre die Privatisierung der Öffentlichkeiten durch börsennotierte Unternehmen im globalen Maßstab. Da wäre das Erstarken immer breiterer Gesellschaftsteile am rechten und hinter dem rechten Rand. Da wäre der Niedergang der Streitkultur auch in der Kunst zu bemerken ,wie es sich in der Diskussion um ein Eugen-Gomringer-Gedicht an einer Berliner Hochschule samt seiner Entfernung – mit Mitteln angeblich demokratischer Mitbestimmung – darstellt. Im Zeichen nie erreichter Freiheiten kippt das Wissensmanagement ins Desolate der Seelenleere (siehe auch den Nachschlag von Bojan Budisavljevic (Seite 18). Das allgemeine potenzielle Wissen wird immer größer und verfügbarer, wobei immer weniger gewusst wird, sich das Wissen also nicht mehr im Bewusstsein niederschlägt – eine Art Wissensverwahrlosung. Dass die geradezu grenzenlose Öffentlichkeit dabei nur bequeme Leihware der Kommunikationsindustrie ist, bei der die Währung, wie Budisavljevic sagt, sich zum Beispiel in „Likes“ niederschlägt, ist Gegenwart. Nicht abzusehen war, dass diese kritische Öffentlichkeit in informationshysterisch-rauschende Unmündigkeit umschlagen würde. Unter der Hand hat sich die Lebenswelt so erneut kolonialisieren lassen. Kurz: statt Autonomie, Fremdbestimmung. Und die Musik droht wieder – als Transferleistung („Musik macht klug“,  „Musikkultur wird touristisches Ereignis“) – zum Opium fürs Volk lahmgelegt zu werden.

Die Revolutionen gründen heute auf eine hypertrophe Technikgläubigkeit, sie gründen auf die globale Ausbreitung der Bewusstseinsindustrien und auf charismatische Herrscher über Religion und Moral. So blickt man heute auf die 68er-Bewegungen zurück und fragt sich: Was haben wir falsch gemacht? Vielleicht doch gar nichts, denn der Strom kommt ja immer noch aus der Steckdose, meint: Die Akzeptanz der Bequemlichkeit privaten Glücks in einer Welt globalen Unglücks.


Zuerst erschienen in nmz 2/2018 – 67. Jahrgang

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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