Februar und April 1933: Ralph Benatzky

Ich bin voll auf Operette nun. Ein Buch über Kalman, das Tagebuch von Benatzky. Letzterer! Sehr gut zu lesen das Tagebuch. Natürlich für ‘mein’ Thema hochinteressant. Nach der Lektüre des nachstehenden Abschnitts sofort an Kraus gedacht, die „Dritte Walpurgisnacht.“

1933, April. Na klar, sehen konnte niemand etwas, nicht wahr? Das ging erstaunlich schnell. Und was ja auch frappierend ist, Benatzky („Das weiße Rössl“) hatte noch wenige Tage zuvor, nun, wie soll man sagen, die Entwicklung in Deutschland immerhin ambivalent gesehen.

1. Feber 1933, 2.45 früh!
Hitler hat heute im Rundfunk gesprochen. Stilistisch bemerkenswert gut (abgelesen!) verfasst, (der Rundfunkansager sagt immer »vorgetragen«), ist dieser Aufruf eine fast erbitterte Kampfansage an Kommunismus und Marxismus, die noch viel Unheil über Deutschland bringen kann. Ausgesprochenster Faschismus, ostentativste Negierung anderer Gesinnung, in diesem Falle einer freilich ruinösen, wie sie der Kommunismus hat, so offiziell und ostentativ betont, kann sich kaum ein kluger, »diplomatischer« Reichsverweser leisten, wenn er nicht schärfste Gegenmaßregel heraufbeschwören will! Ich glaube, nicht einmal Mussolini tat das!

Im übrigen wieder der Plagiat-Eindruck. Er sprach vom »Vier-Jahres-Plan«, in welchem die Arbeitslosigkeit behoben sein wird (Plagiat: Fünf-Jahres-Plan Rußlands) und auch sonst Phrasen und Pathos, aber unleugbar geschickt gemacht und im Moment faszinierend.

Sogar durch das abschwächende Mittel des Mikrophons »wirkte« er. Gegen die unsägliche Plattheit und Gedankenarmut des Herrn von Schleicher, vor kaum acht Wochen an selber Stelle, gegen dessen Inhaltslosig- und Wasch-mir-den-Pelz-und-mach-mich-nicht-naß-keit eine Offenbarung. Mit nichts und wieder nichts kann man auch nicht dreizehneinhalb Millionen Menschen, von [denen] doch wenigstens zehn Prozent Intelligenz, Urteilspublikum und Nichtstimmvieh sein müssen, zu einem fanatisierten Block zusammenschweißen! Also: Etwas wird schon dran sein! Fragt sich nur, ob sie den unweigerlich eintretenden Kampf mit Ganz- und Halb-Links bestehen, und, wie sich das aufs Theater und so auswirkt?“ Ralph Benatzky, Triumph und Tristesse. Aus den Tagebüchern von 1919 bis 1946, Berlin S. 142 f.

Aber schon zwei Monate später ist die Ambivalenz gewichen. Die Worte sind drastisch geworden.

5. April 1933
Wegen der angeblichen »Greuelmeldungen« haben die Nazi einen Judenboykott in Deutschland wachgerufen. Sämtliche jüdischen Ärzte, Rechtsanwälte, Professoren, Lehrer, alle in leitender Stellung Befindlichen, alle anderen Angestellten etc. sind zu entlassen. An dreitausend Flüchtlinge sind in Basel; an die Geschäfte sind die aus dem Mittelalter bekannten »gelben Flecke« angeschlagen worden, überall wurden diese »Staatsbürger« zu Parias herabgewürdigt und der barbarischen Horde der aufgehetzten heulenden Menge, als »Schandflecke« gebrandmarkt, hingestellt. Ja, was gibts denn im Jahre des Heils 1933 noch mehr, um den Ausdruck »Greuel« für gerechtfertigt zu erklären? Wogegen wehren sie sich denn? Sind das nicht Greuel?

Alle Bekannten versichern uns, es sei alles »ruhig«. Ja, was braucht’s denn noch mehr, um die »Unruhe« zu dokumentieren? Soll man noch federn und teeren, oder die Geschlechtsteile den Männern abschneiden und in den Mund stecken?

Ist es immer noch nicht genug »Greuel«, daß man in einem (angeblich) kulturell hochstehenden Lande überhaupt einen friedlich seinem Erwerb nachgehenden Menschen nur deswegen, weil er zufällig von jüdischen Eltern ist, die er sich gewiss lieber nicht ausgesucht hätte, um das doch heutzutage gewiß schwer genug zu verdienende tägliche Brot bringt?

Würden diese nordischen Kulturträger, diese kühnen germanischen Recken, die Schnauze auch so aufreißen, wenn der Prozentsatz zwischen Juden und ihnen nicht 1:99 sondern 50:50 wäre? Schon bei 25:75 würden sie sich’s überlegen. In Wien pflegt man zu sagen: »Kunst, a Kind schlag’n«! Und wenn mir jemand aus Berlin telefonisch versichert, ich könne überall versichern, es sei »alles in Ordnung«, pflege ich immer zu fragen, ob ich das der Frau Blaschke auch erzählen soll.

Die Depression, diese fanatischen Ableugnungsbestrebungen sind auf die Aufhebung des Briefgeheimnisses und das Abhören der Telefongespräche zurückzuführen! Noch nicht Greuel genug? Und dabei lacht der Frühling, auf dem Rasen blühen die Krokusse, gelb, weiß, lila und zu Mittag brennt die Sonne auf den Balkon, wie im Juli. Und in Berlin entläßt man zur selben Minute den armen, fünfundzwanzig Jahre im Hause tätigen Buchhalter Sami Nathansohn, krumm vom Rechnen für den Chef, vertrocknet vom Hunger für seine zwei Söhne, die 1917 in Flandern ad majorem Germaniae gloriam gestorben sind, Amen!“ (Ralph Benatzky, Triumph und Tristesse. Aus den Tagebüchern von 1919 bis 1946, Berlin S. 148 f.


Zuerst erschienen am 10. Mai 2005 in der Kritischen Masse.

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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