Kein Widerhall im schalltoten Raum – Die Krise des ECHO ist Zeichen einer Krise der Kultur

Auf den angeblich renommierten Preis der Musikindustrie unter dem Namen „ECHO“ prasselt gerade jede Menge Kritik ein. Da werden ECHOs zurückgegeben (Notos Quartet, Igor Levit, Marius Müller-Westernhagen, Chris­tian Thielemann, Daniel Barenboim), im ECHO-Beirat gibt es Rücktritte, auch Monika Rütters als Kulturstaatsministerin rügt die ECHO-Organisation für die Durchführung und Gestaltung des Preises. Selbst der Bundestagsausschuss für Kultur und Medien hat sich mittlerweile mit dem Thema befasst.

Die Preisvergabe an die Rapper Kollegah und Farid Bang offenbart ein komplettes Systemversagen beim ECHO. Dem ECHO fällt seine Konstruktion als Preis für die besten meistverkauften Musikindustrieprodukte vor und mehr noch auf die Füße. Denn ausgezeichnet von der angeblich insgesamt 500-köpfigen Jury wurden unter anderem die sogenannten Gangster-Rapper Kollegah und Farid Bang für ihr Album „JBG3“ (ein Akronym für „Jung, brutal, gutaussehend drei“). Diese Auszeichnung war zwar konsequent aber sie war falsch. Ausgezeichnet wurde danach eine Produktion in der sich höhnisch-zynische Textzeilen finden wie: „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen.“ Der ECHO-Beirat, der von den ECHO-Verantwortlichen eingeschaltet wurde, missbilligte Wortwahl und Inhalt, kam dann aber mehrheitlich zu dem Ergebnis, „dass ein formaler Ausschluss nicht der richtige Weg ist.“ Inhaltlich setzte man dagegen auf die Trumpfkarte „Kunstfreiheit“, gerade so, als habe es gegolten, eine juristische Entscheidung zu treffen. Das stand aber gar nicht zur Debatte. Es ging bloß darum, ob eine Platte für einen Preis nominiert werden darf oder eben nicht. Dafür muss man nicht das Grundgesetz wälzen. Das hat offenbar nur die einzige Frau (als Vertreterin der katholischen Kirche) im siebenköpfigen ECHO-Beirat auch so empfunden. Der Rest, darunter die Präsidenten von Deutschem Kultur- und Musikrat (Christian Höppner und Martin Maria Krüger), nicht!

Kunstfreiheit?

Einmal auf die schiefe Bahn der Sicherung der Kunstfreiheit gesetzt, haben sich so gut wie alle Beteiligten hinter diesem Begriff, man möchte sagen, versteckt. Auch die Rapper selbst greifen darauf zurück und erklären, dass man sie a) sowieso missverstehe und, bei Ausschluss, b) eine Zensur (also die Beschneidung der Kunstfreiheit) befürchte. Farid Bang sieht den Text nicht als „politische Äußerung“ an und die Frankfurter Allgemeine Zeitung verweist auf eine Stellungnahme von Kollegah, der auf Youtube unterdessen Videos veröffentlichte, „in denen er den deutschen ‚Mainstream-Medien‘ Meinungsmache vorwarf und verkündete, das Volk habe es satt, ‚sich verarschen zu lassen‘. Was die ‚Bild‘-Zeitung (…) bezweckt habe, sei versuchte Zensur und vergleichbar mit der Situation in ‚totalitären Staaten‘. Die von Kollegah eingebrachten Reizworte kennt man nur zu gut aus den Mündern von Rechtspopulisten. Inhaltlich stimmt daran gar nichts. Denn eine („versuchte“) Zensur findet ja gar nicht statt. Zensur geht nur von staatlichen Behörden aus. Die Grenzen für deren Anwendung sind sehr eng. Noch einmal, es geht um die Vergabe eines wie auch immer hoch oder gering geschätzten Preises der Musikindustrie. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn die Rapper für sich Kunstfreiheit reklamieren, dann müssen sie auch damit leben, dass zur Kunst die Kunstkritik gehört. Die hier ins Zentrum gestellte Frage der Kunstfreiheit und ihrer Grenzen verdeckt aber das Problem. Die Probleme sind grundsätzlicher!

Doppelt geheuchelt hält besser

Zynischer geht es kaum: Man distanziert sich auch auf Seiten der Veranstalter von den Nominierten, ist jedoch zugleich dem bindenden Votum des Beirats ausgeliefert. Also nur mitgefangen? Nein, schließlich bot man den Rappern zugleich die Bühne für einen Auftritt an. Da könnte man bes­tenfalls noch für sich reklamieren, dass man absichtlich die Sache vor die Wand fahren wollte – das wäre noch die harmloseste Erklärung –, oder – und das wäre erschreckend – dass man sich damit in den Fokus der Öffentlichkeit spielen wollte, also kurz: Es ging um das Generieren von Einschaltquoten und Präsenz. Das jedenfalls ist gelungen. Als Kollateralschaden nimmt man dann die öffentliche Empörung zur Kenntnis.

Kurz vor Redaktionsschluss verkündete der BVMI (im Bild: Geschäftsführer Florian Drücke) das Aus für den ECHO in seiner bisherigen Form. Foto: HufnerKurz vor Redaktionsschluss verkündete der BVMI (im Bild: Geschäftsführer Florian Drücke) das Aus für den ECHO in seiner bisherigen Form. Foto: Hufner

Kurz vor Redaktionsschluss verkündete der BVMI (im Bild: Geschäftsführer Florian Drücke) das Aus für den ECHO in seiner bisherigen Form. Foto: Hufner

Für den Beirat könnte man Nämliches behaupten: In Wirklichkeit wollte er mit der Entscheidung darauf hinweisen, dass man ein „wirkliches“ Problem habe, nämlich das der Verrohung in der Musikszene (Rassismus, Sexismus, etc.). So befürworten die unterdessen aus dem ECHO-Beirat zurückgetretenen Vertreter des Deutschen Kulturrats und des Deutschen Musikrats die Einrichtung eines „Runden Tisches zu den Grenzen der Kunstfreiheit“ und lenken damit von ihrem Versagen ab. Mit welcher Absicht soll dieser Tisch eingerichtet werden? Ordnungspolitische Konsequenzen will man schließlich nicht (das hieße schließlich Gesetze ändern), dagegen spricht man sich dafür aus, eine gesamtgesellschaftliche Debatte zu führen. Was für eine hinreißende Idee: Ausgerechnet diejenigen, die sich dank ihrer Beiratsentscheidung durch größtmögliche Unsensibilität ausgezeichnet haben, wollen einen runden Tisch begründen. Unbelehrbar lächerlich. Da bekommt die Redensart des „Sich-über-den-Tisch-ziehen-lassens“ der Öffentlichkeit den richtigen Beigeschmack. Zudem verlangt man einen Neustart derjenigen Institution (des ECHO), der man durch seine tatkräftige Untätigkeit die Ehre erwiesen hat. Die Rückzüge der Präsidenten von Deutschen Kultur- und Musikrat aus dem ECHO-Beirat kommen da reichlich spät, die Entschuldigungen klingen erbärmlich.

Jury, Industrie und Künstler

Dann die Jury: Sie zeichnet ausgerechnet das Werk von Kollegah und Farid Bang auch noch aus. Wessen Geistes sind da diese Jurymitglieder? Wie unsensibel kann man eigentlich nur sein? Die Reaktionen aus den Konzernzentralen der Musikindustrie sind ergänzend dazu selbstentlarvend. Frank Briegmann, President & CEO Central Europe UNIVERSAL MUSIC und Deutsche Grammophon resümiert die ECHO-Verleihung mit den Worten: „Ich danke außerdem dem Team des ECHOs, unserem Medienpartner VOX und allen Mitwirkenden für diesen tollen Abend.“ Ein Sprecher der Bertelsmann Music Group (die mit Kollegah und Farid Bang zusammengearbeitet haben) erklärt: „Zweifellos haben einige der Texte auf ,JBG3‘ viele Menschen tief verletzt. Auf der anderen Seite haben sich viele Menschen eindeutig nicht gekränkt gefühlt, denn immerhin handelt es sich um eines der im vergangenen Jahr in Deutschland bestverkauften Alben.“ Da fehlen einem die Worte! Leiden die sich selbst kontrollierenden Instanzen allesamt unter einer moralischen Amnesie? Oder ist es weitaus schlimmer und solche Unflätigkeiten dürfen von nun an als common sense und kultureller Mainstream gelten, zumal sie kommerziell erfolgreich sind?

Schließlich die Künstler selbst zu betrachten, ob sie nun ihre ECHOs zurückgeben oder auch nicht. Sie wollen nicht mit derlei Preisträgern in einer Reihe stehen, zweifeln aber in der Regel nicht an dem wertentleerten und auch künstlerisch wertlosen Preis selbst. Beim ECHO greift damit ein Versagen ins andere. Und das war schon immer so, nicht erst seit Kollegah und Co.

Welche Funktion nimmt also so ein Preis im kulturellen Zusammenhang ein, welche Werte vermittelt er? Die Antwort ist simpel: Erfolg geht über alles und sei er auch durch die Demütigung von Schwächeren erzielt worden. In seiner moralischen Erbärmlichkeit liegt seine einzige Ehrlichkeit. Doch das ist wirklich viel zu wenig.

ECHO reloaded?

Jetzt soll der ECHO grundsätzlich überarbeitet werden. Warum eigentlich? Was will man an dieser Institution retten? Wem wäre dadurch geholfen – außer der Musikindustrie in ihrer Wahrnehmungssucht und den sie anbetenden Künstlern? Mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik gibt es beispielsweise längst ein durchweg ernsthaftes Instrument der Auszeichnung künstlerischer Darbietungen auf Tonträgern.Freilich ohne Selbstbeweihräucherung, ohne ökonomische Seilschaften, ohne Brimborium, dafür mit Kenntnis der Sache selbst. Wenn die ganze Diskussion um den ECHO ein positives Ergebnis gehabt hat, dann stellt es sich als Erschrecken darüber dar, dass sich eine antihumane Musikszene in der Öffentlichkeit seit Jahren immer deutlicher Raum bahnt, auch wenn es manchem jetzt erst auffällt. Die Musikszene ist dabei jedoch nur ein Oberflächensymptom, die Ursachen für die Zunahme des Verlustes moralischer Sensibilität liegen jedoch tiefer und sind auf dem besten Wege sich in der Gesellschaft auf Dauer zu verankern.


Zuerst erschienen in nmz: 5/2018 – 67. Jahrgang

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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