Seelenmusik: Der Komponist Samuel Adler zu Gast bei „musica reanimata“

Man kann viel über neue Konzertformate nachdenken. Das ist gut. Man kann aber auch ganz einfach auf die Kraft der Sache und der Handlung setzen. Das Gesprächskonzert der Berliner Veranstaltungsreihe „musica reanimata“ am Donnerstag war so ein Glücksfall. In Person und Werk des amerikanisch-deutschen Komponisten Samuel Adler, mittlerweile 90 Jahre alt, wurde Musik- und Zeitgeschichte lebendig gehalten und hat einen ergriffen. Gesprächspartner Albrecht Dümling ist dafür zu danken.

Samuel Adler ist eine feste Größe innerhalb der amerikanischen Musikgeschichte, er war jahrelang Professor für Komposition in Rochester an der Eastman School Of Music sowie an der Juilliard-School Of Music in New York. Er hat ein legendäres Werk zur Orchestration und um die 400 Werke von Oper und Oratorium, über Chorstücke bis zu Solostücken vorgelegt. Sein Lebensweg ist dabei geprägt worden durch Ereignisse der jüngsten deutschen Geschichte: Geboren 1938 in Mannheim, floh die Familie 1938 in der Folge der Reichpogromnacht über Holland und England nach Amerika, organisierte sich dort neu. Zahlreiche Erinnerungen daran schilderte Adler in seinem Gespräch mit dem Berliner Musikwissenschaftler Albrecht Dümling. In den 50er Jahren studierte er Komposition unter anderem bei dem Herbert Fromm (ebenfalls ein Emigrant), Paul Hindemith (auch Emigrant) und Aaron Copland. Zu seinen Dirigierlehrern zählte Serge Koussevitzky. Schon 1951 kehrte Adler zeitweilig als Soldat der US Army nach Mannheim zurück. Dort gelang ihm der Aufbau des Seventh Army Symphony Orchestra mit dem er innerhalb von 100 Tagen 90 Konzerte gab. Und er erinnerte gerade auch in den Passagen, die dazu führten, dass die Familie vor den Nazis fliehen musste, die Widrigkeiten und Schikanen vor Ohren und Augen, aber auch die durchaus vorhandene Hilfsbereitschaft mancher Mitbürgerinnen und Mitbürgerinnen. Davon und darüber erzählte Adler mit viel Sprachwitz, mit einer schier unendlichen Freundlichkeit im Ton, ohne Ressentiments, ohne jeden Anflug von Eitelkeit – und unter Beibehaltung dieses unwiderstehlichen Mannheimer Akzents.

‚Tikkun Olam‘

Das Programmheft zitiert aus seiner mit letzten Jahr erschienen Autobiographie „Building Bridges With Music“ (Pendragon Press Hillsdale, N.Y.) folgende Passage: „Unser Vater lehrte meine Schwester und mich das Prinzip des ‚Tikkun Olam‘: die Welt heilen oder reparieren, so dass durch unser Lebenswerk die Welt ein besserer Ort geworden wäre, wenn wir von ihr Abschied nehmen. Ich habe mich bemüht, diese Idee in Ehren zu halten, indem ich mit der universalen und sehr starken Botschaft der Musik bei Einzelnen oder Gruppen, wann immer sich eine Möglichkeit ergab, Brücken baute“ (übersetzt aus dem Englischen von Albrecht Dümling).

Aus seinem umfangreichen Werk kam unter anderem die „Sonata for violin and piano No. 4“ von 1989 zur Aufführung. Virtuos vorgetragen vom Konzertmeister der Berliner Philharmoniker Noah Bendix-Balgley (Violine) und Philipp Moll (Klavier): Ein Stück, das durch sein Dauerespressivo gekennzeichnet ist, das viele Errungenschaften der Musik des 20. Jahrhunderts natürlich beherrscht, das mit Spielwitz glänzt, so übervoll an Ideen wie eine Gemüsesuppe ist, in der nicht einmal mehr ein Löffel Platz fände. Freies Flottieren des musikalischen Baumaterials hat darin statt, ebenso wie im vielleicht schönsten Satz, der an zwei stehenden Meditation („Quiet and dream-like“) eine Technik von verschwimmenden Ostinati. Es ist dies alles durch und durch Ausdrucksmusik. Gleichwohl fast schon zu versiert das Ganze, den Rand des Akademismus leicht streifend.

Anders die „Choral Triology“ (2012) für achtstimmigen Chor mit Klavier auf Texte aus dem Neuen Testament. Hier spürt man diesen amerikanischen Akzent des Tonsatz, der auf deutliche Deklamation angelegt ist, hymnischen und heroischen Tonfall einsetzt und seine Klänge dabei auch wieder in ein freundliches Hell auffächert – Adlers jahrelange Tätigkeit als Chorleiter und -didaktiker hinterlassen hier ihre Spuren: Alles klingt einfach, wirkungsvoll und selbstverständlich. Das „ensemble sirventes berlin“ unter der Leitung von Stefan Schuck war dafür der richtige musikalische Partner: Feinheiten modulieren hier, plakativ dort, wo es angemessen schien.

Das beeindruckendste Stück war aber sicher das zum Schluss der Veranstaltung gegebene „Songs of Innocent Love“ for Soprano, Violin and Piano on poetry of Selma Meerbaum-Eisinger aus dem Jahr 2016. Vier zugleich dicht und leicht gewebte Stücke mit der ebenso zerbrechlichen, ökonomisch-klaren Lyrik von Selma Meerbaum-Eisinger, deren musikalisch-ökonomische Kargheit der Klang- und Stimmentfaltung allen Raum ließ. Zurückgenommen, in sich gekehrt, expressiv herausfahrend aber ebenso. Berührend alles in allem, vollkommen stimmig die parallelen unabhängigen Bewegungen der Musikerinnen und Musiker untereinander. Eine Seelenmusik! Da schien die Musik ganz bei sich angekommen zu sein und ihrer Zuhörer zugleich gefangenzunehmen. Nicht zuletzt lag dies an der Stimme der Sopranistin Sabine Goetz, die nicht nur ihren Part zur Not bewältigte, sondern komplett mit allen Mitteln ihrer höchst wandelbaren Stimme wie von innen beleuchtete. Ihr war dieses Stück auch zugeeignet, das sie im letzten Jahr zur Uraufführung brachte.

Solche Abende bleiben in Erinnerung, sie setzen sich fest, sie nehmen einen mit, Kraft ihrer musikalischen Inhalte und persönlichen Ausstrahlung der Mitwirkenden. Es kommt von Herzen, es geht zu Herzen. Sie reparieren ein bisschen unsere Welt. Ja, das tun sie!

Albrecht Dümling erinnerte daran, dass bei Veranstaltungen der „musica reanimata“ im Musik-Club des Konzerthauses Berlin stattfinden, in dem die Kapazität auf 80 Personen begrenzt sei. Dieses Mal habe der Hausherr, Sebastian Nordmann, den Werner-Otto-Saal mit ca. 200 Plätzen zur Verfügung gestellt – und diese waren gut gefüllt.

  • Der Deutschlandfunk hat die Veranstaltung mitgeschnitten. Sendetermin ist noch nicht bekannt.
  • Samuel Adler: „Building Bridges With Music“, Pendragon Press Hillsdale, N.Y. 2017.

Zuerst erschienen in nmz-online am 24. Juni 2018.

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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