[Cluster] Rattonale Bombenleger

In vergangenen Jahren haben Musikhobbypsychologinnen (Männer sind selbstverständlich mitgemeint) immer wieder mal den Versuch unternommen, mit Musik etwas zu bewegen. Kühe sollen mit Mozarts Musik mehr Milch abgeben, in Mamas Bauch sollen aus Zwillingen Drillinge werden, Musik zum Kuscheln, Musik statt Viagra, Musik als Folter auf Guantanamo. Interessanterweise hat man dann an Orten, an denen man sich keine Menschen wünscht, bislang zu klassischer Musik gegriffen. Erfolglos. Ein letzter Versuch wird jetzt in Berlins U-Bahn probiert. Mit sogenannter „atonaler Musik“ will man statt mit Glyphosat „unerwünschte Besucher“ vertreiben. Ausgerecht im Monat der zeitgenössischen Musik, im September, startet der Versuch. Zufall oder Absicht?

Nein, die Deutsche Bahn steckt dahinter mit dem Motto „Wir müssen probieren statt zu kapitulieren“, wie der Tagesspiegel in Berlin zu berichten weiß. Dabei ist die Sache wirklich zu ernst, als dass man darüber lachen dürfte. Denn schon entbrennt der Streit zwischen den Komponistinnen, wer wohl die beste Menschenverscheuchmusik wird schreiben können. Denn bei einer Dauerberieselung in einem öffentlichen Raum mit unzählbaren potentiellen Zuhörerinnen winken GEMA-Einnahmen in geradezu schwindelerregender Höhe. Aus für gewöhnlich einigermaßen unterrichteten Kreisen geht man daher davon aus, dass die AfD Komponistinnen mit der Schaffung einer „national-atonalen“ Musik, wie sie es nennen werden, beauftragen wird. Vertreibung steht bei denen ganz oben auf der Agenda, da sind sie Profis.

Atonale Musik für alle. Eine Intitiative der inm berlin. Foto: Hufner

Atonale Musik für alle – Foto: Martin Hufner

Die Toxizität solcher Musik ist allerdings nicht ohne. Einmal im öffentlichen Raum entlassen, drohen massive gesundheitliche Schäden. Die Herstellung ist extrem gefährlich – die Halbwertszeit solcher Musik liegt bei mindestens 70 Jahren nach dem Tod der Herstellerin, Tendenz steigend. Versuche, mit atonaler Musik radioaktiven Abfall zu bestrahlen, waren vermutlich teilweise erfolgreich; es gibt leider keine Überlebenden, die davon berichten könnten. Nordkorea soll angeblich schon im Besitz einer atonalen Bombe sein.

Der Lebendversuch der Berliner Bahnstümper soll übrigens im Bezirk Berlin-Neukölln vor sich gehen, U- und S-Bahnhof Hermannstraße. Kennerinnen wissen, dass um diese Station herum die Neue-Musikszene geradezu brennt. Eine Gegend mit Kreativpotential sondergleichen und damit ein natürliches Habitat für „atonale Musik“. Wenn man nicht kapitulieren möchte, dann sollte man den Erstversuch einfach unter der Kuppel des Deutschen Bundestags starten. Aber dann richtig, mit wirklich atonaler Musik, wie „Ein bisschen Spaß muss sein“, die fällt sowieso unter das Kriegswaffenkontrollgesetz und darf nicht ausgeführt werden, nicht mal nach Mallorca.

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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