Ein kleiner Beitrag zur Soziologie des Hörens

Ein kleiner Beitrag zur Soziologie des Hörens

 
 
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Nachfolgend mein Beitrag zur Ausgabe 73 der Sendung „taktlos“ des Bayerischen Rundfunks und der neuen musikzeitung. Im Studio dabei: Rita Beulker (Projektcoach / Herausgeberin des Online Wirtschaftsmagazin infoquelle), Marion Glück-Levi (Stiftung Zuhören), Michael Quast (Kabarettist, Regisseur), Karl Karst (Wellenchef WDR3, Initiative Hören e.V.) und das Duo Courage.


Musik: Morton Feldman: Coptic Light für großes Orchester

Autor: Ein dichter Musiknebel hat sich um die Menschen der modernen Gesellschaft gelegt. Eine derartige Verdichtung von Klängen kann nicht ohne Folgen sein. Der Soziologe Georg Simmel hatte sich schon 1908 in seiner Soziologie mit der Veränderung der Sinne und der Wahrnehmung auseinander gesetzt und kam zu erstaunlichen Ergebnissen. Unter dem Eindruck der Ausbreitung und sinnlichen Industrialisierung der Großstädte erwähnte er folgendes Phänomen:

Zitator: „Im allgemeinen wird mit steigender Kultur die Fernwirkung der Sinne schwächer, ihre Nahwirkung stärker, wir werden nicht nur kurzsichtig, sondern überhaupt kurzsinnig; aber auf die kürzeren Distanzen hin werden wir um so sensibler.“ [S. 735]

Autor: Auf den ersten Blick scheint dies Phänomen paradox. Die akustische Umgebung der modernen Zivilisationen wird immer reichhaltiger – man könnte vielleicht sogar sagen: so viel Klang wie heute war nie – doch gleichzeitig nimmt man immer weniger davon wahr. Nur die stärksten Reize dringen noch durch. So ist es kaum mehr überraschen, dass sich zum Beispiel die Lautstärke des Martinshorns in den letzten fünfzehn Jahren verdoppelt hat. Und auf eine weitere widersprüchliche Entwicklung weist Georg Simmel hin:

Zitator: „Es ist von einer noch garnicht genug beachteten Bedeutung für die soziale Kultur, daß mit der sich verfeinernden Zivilisation offenbar die eigentlich Wahrnehmungsschärfe aller Sinne sinkt, dagegen ihre Lust- und Unlustbetonung steigt.“ [S. 734]

Autor: Obwohl man immer weniger genau etwas hört, hinterlässt das Gehörte viel schneller einen positiven oder negativen Eindruck. Das Gehörte wird unmittelbar bewertet und damit abgehakt. Die gesamte akustische Umgebung, wenn sie größere Menschengruppen erreichen will, muss heute offenbar schnell, eindeutig und positiv gestimmt werden. Und wenn dies zum allgemeinen Standard wird, ist das Resultat doch wieder das Ursprüngliche: Ein dichter Musiknebel legt sich um die Menschen der modernen Gesellschaft. Wie soll man da noch wichtige von weniger wichtigen Hörereignissen unterscheiden. Weg-Hören? Auf-Hören? Zu-Hören?

Musik: Feldman: Coptic Light wieder

Autor: Einen kleinen Trost und zugleich einen Auftrag hat der Komponist Juan Allende-Blin am Ende eines seines Hörspiels „Muttersprachlos“ formuliert.

Zitator: „Wer hören will, der hört auch aus der Ferne; wer nicht hören will, der hört auch aus der Nähe nichts.“

Keine Musik.

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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