Popperlapop (Nachschlag)

Nein, nicht schon wieder auf den ECHO, den Preis der Musikindustrie, draufhauen. Der Industriepreis wird geliebt: Von Musikerinnen, von Institutionen, von Plattenfirmen. Den ECHO zu bekommen, das ist wie einen Orden zu erhalten. Man wird schließlich geadelt. Ob Klassik, ob Jazz, ob Pop, der ECHO bringt es. Außer für die ARD, die die Übertragung des ECHO Pop das erste Mal an jemanden abgab, der wirklich was vom Geschäft mit musikalischen Chemiefasern versteht, nämlich den Privatsender VOX.

Dass da dann zwar noch weniger Zuschauerinnen zu vermelden waren als beim öffentlich-rechtlichen Fernsehn, obwohl man sein Programm fast komplett auf diese Veranstaltung hindressierte bis ins Innerste von „Shopping Queen“, daraus könnte man lernen, dass, obwohl alles Pop ist, dieser Pop eben doch eher nichts ist, also: Popperlapop.

Auf zur Musikschule. Foto: Hufner

Auf zur Musikschule. Foto: Hufner

Dabei hatte sich doch der mächtigste Kritiker in diesem Jahr, Jan Böhmermann, die Mühe gemacht, den ECHO Pop in einer Brandrede zu zerlegen. Im Fokus seiner Kritik der Popstar Max Giesinger, aber eigentlich geht Böhmermann ja drüber hinaus und wiederholt, was die popindustrielle Szene insgesamt auszeichnet, nämlich die musikalische und textliche Null. Die allerdings ist eben gut aufgeblasen: eine Filterblase der nachhaltigen Leere, beliebig austauschbar. „Tote Hosen“-Sänger Campino nannte daraufhin Böhmermann ein „cooles Arschloch, das sich nicht konstruktiv einbringen kann“. Der Ex-Punk outet sich hier als musikalischer Heilpraktiker und Laientherapeut. Das macht betroffen und saß, Böhmermann war „gedisst“.

Nicht! Böhmermann verfasste mit Hilfe von Schimpansen einen Poptext und mit der entsprechenden Musik versehen einen Nummer-1-Hit „Menschen Leben Tanzen Welt“ – was selbst ein bisschen nach einem Kongressthema zur Habermas/Luhmann-Kontroverse klingt. Das Video dazu garniert Böhmermanns Kreativ-Crew mit Bildern aus der Stock-Fotografie (das sind gerne mal supergünstige Symbolbilder, die zu jedem Thema passen sollen). Damit bringt sich Böhmermann voll dekonstruktiv ein und wird zum „heißen Maulberg“. Und wer weiß, vielleicht sogar zum Preisträger beim nächsten ECHO Pop 2018 auf TELE5, die ja viel Erfahrung haben mit SchleFaZ (den schlechtesten Filmen aller Zeiten).

Ende der Geschichte. Sack Reis in China kann wieder hingestellt werden. Nicht ganz.

Der eigentliche Clou an der Sache ist, dass die Einnahmen aus dem Song „Menschen Leben Tanzen Welt“ (samt Merchandising, Rechte etc. pp.) der Rheinischen Musikschule Köln zugutekommen sollen. Damit wird es dann in der Tat konstruktiv. Das faule Ei, das man der Musikindustrie ins Nest legt, erweist sich als produktiver als der ganze ECHO-Quatsch. Denn, obacht!, der ECHO ist eigentlich der Preis der Deutschen Phonoakademie, dem „Kulturinstitut der Musikindustrie“. Ja wirklich, das heißt so, auch wenn niemand so richtig weiß, wo das Institut seinen Sitz hat, wer seine Leiterin und Beschäftigten oder wann seine Öffnungszeiten sind. „Die Aktivitäten der Deutschen Phono-Akademie sind ein wichtiger Baustein auf dem Weg, Bewusstsein für den Wert der Kreativität zu schaffen“, hat einmal der Musikpädagoge Hans Bäßler als Kuratoriumspräsident der Deutschen Phono-Akademie 2007 gesagt. Bewusstsein für den Wert der Kreativität kann sich eben auch an schlechteren Beispielen bilden. Und so muss man dem ECHO selbst noch für das schlechte Beispiel danken. Konstruktiver, lieber Campino, geht es leider nicht.

Zuerst erschienen in: nmz 5/2017 – 66. Jahrgang

Bildquellen

  • Auf zur Musikschule. Foto: Hufner: Martin Hufner | Alle Rechte vorbehalten. Keine unlizenzierte Nutzung.

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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