15. Juli 2020 Guten Tag, everybody
Ein Hund geht auch. Foto: Hufner

[Cluster] Einer geht noch …

… einer geht noch raus. Oder auch Hunderte. Es fehlen nur die Schlagzeilen eines großen Hamburger Boulevard-Blattes nach dem Muster: „PANIK IN DER ELPHI – Ausländischer Pianist schoss mit Jazzharmonien auf harmlose Kaffeefahrer! – ELPHI UNRETTBAR AKUSTISCH ZERSTÖRT“. Da hat die 11phi aber eine Delle mehr auf ihrer gläsernen Fontanelle. Dabei war es nur ein Konzert mit Jazz-Pianist Vijay Iyer. Zufall oder System?

Auch nach fast zwei Jahren Aufführungspraxis legt dieser Zwischenfall nahe, dass dieses Konzerthaus in Hamburg noch nicht wirklich im Musikleben angekommen ist, sondern durchaus als Musik-Nepperchen für „Saaltouristen“ – wie sie niedlich in der Publizistik genannt werden – herhalten darf. So wie im Sommer letzten Jahres das für Trump & Gloria schon mit Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie auch der Un-Fall war, gespielt von einer administriell organisierten musikalischen Schlepperbande. Nur war da Flüchten offenbar keine Option. Beim Jazzabend ist es jedoch besonders schade für die Musikerinnen gewesen, weil der Exodus ja gar nichts mit der Qualität der Darbietung zu tun hatte. Nur mit einer erschreckenden Reaktionsweise derjenigen, die die Darbietung künstlerischer Musikaktivitäten offensichtlich als architektonische Tafelmusik verkonsumieren sich gezwungen sahen.

Die Elleφ als akustisches Wellenspaßbad eben, von der man ein lustvolles Gleiten auf Klangbahnen – begleitet von selfie- und kampfbewährten Drohnen – als Konzertdramaturgie hoch drei sich erwartet hatte, nicht etwa einen möglicherweise ästhetisch tiefgreifenden Erfahrungsraum, bei dem mancher, oder manche, mit geschlossenen Augen tönend bewegten Formen sich überlassen. Wie gesagt, das Konzert schien hier hunderten Menschen eher als musikalisches Dschungelcamp-Erlebnis vor die abgestumpften Sinne getreten zu sein, die diese mit aus den sogenannten sozialen Medien gekannten Sofortmaßnahmen von Likes und Dislikes im Fluchtreflex durchs tote Meer der Trolltreppen des neuen Hamburger Unwahrzeichens flugs in den sicheren Hafen ihrer Zugangsvermittlungsbusse führte. Oder ein bisschen kürzer und dialektisch formuliert: Ist die Elfie unterdessen eine NoGo-Go-Area?


Zuerst erschienen in der 12/2018 – 67. Jahrgang