Richard Wagner: Vorspiel zu „Die Meistersinger von Nürnberg“

Russische Briefmarke mit Wagner vornedrauf von 1963Vorauszuschicken ist: Mit Wagner verbindet mich nicht viel. Als Student musste (durfte — wie auch immer) ich in Philosophie referieren über Wagner Schriften „Das Kunsterwerk der Zukunft“ und „Oper und Drama“ — zwei fette Bücher (eines auch noch in Frakturausgabe — gut habe ich dabei gelernt). Der Mann hat wirklich viel geschrieben und manchmal so sehr umständlich und gelehrt, dass es schmerzt, positiv wie negativ. Soweit ich das in Erinnerung habe: Die Lektüre Feuerbachs kann man sich sparen, wenn man Wagners „Kunstwerk der Zukunft“ gelesen hat. Wagner ist im „Kunstwerk …“ noch reichlich sozialpolitisch engagiert. Es geht ihm ums Volk, es geht ihm um Noth und Nothwendigkeit. Er hat sich sehr viel Mühe gegeben.

Mit der Musik Wagner konnte ich nicht viel anfangen und das hat sich bis heute nicht gebessert, wiewohl ich natürlich weiß, dass er ein exzellenter Komponist war. Am besten gingen mir das Vorspiel zu „Tristan und Isolde“ ins Ohr (und ins Herz), das „Siegfried-Idyll“ wegen seines Stillstandes im letzten Drittel und komischerweise der „Parsifal“.

Für das Programmheft stand die Kombination mit „Wellingtons Sieg bei Vittoria“ von Beethoven und Hanns Eislers „Deutsche Sinfonie“ zur Debatte mit dem Vorspiel zu Wagners „Meistersinger von Nürnberg“. Das ist eine gute Programmidee, denn die Stücke passen dann sehr gut zusammen und sie reiben sich aneinander. Das „Vorspiel“ ist schon ein wirklich tüchtiges Stück aus Überrumpelung und Banalität und es erhellt den Blick Deutschlands auf Deutschland, den Umgang mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Als Kronzeuge empfahl sich daher Friedrich Nietzsche, den in der Frühzeit eine enge Freundschaft mit Wagner verband, die sich dann jedoch in Feindschaft und schließlich in Kritik verwandelte.

Nietzsches „Etwas Deutsches im besten und schlimmsten Sinn des Wortes“ zu diesem Stück bot mir den Anker.

Richard Wagner: Vorspiel zu „Die Meistersinger von Nürnberg“
„Etwas Deutsches im besten und schlimmsten Sinn des Wortes“

Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ kann man als „Komische Oper“ auffassen, und daran ist viel Wahres. „Die Meistersinger von Nürnberg“ ist zugleich eine „Ernste Oper“, weil in ihr besondere Aspekte des „Deutschtums“ im Verhältnis zu ästhetischen Fragestellungen diskutiert werden. Und so kommt es, dass man nicht immer wissen kann, wann das eine oder andere gemeint ist.

Dieses „Problem“ stellt sich ganz unvermittelt schon im Vorspiel, und man dürfte es zu Recht mit dem Attribut der Ambivalenz charakterisieren. Dies hat bereits Friedrich Nietzsche erkannt: „

Was für Säfte und Kräfte, was für Jahreszeiten und Himmelsstriche sind hier gemischt! Das mutet uns bald altertümlich, bald fremd, herb und überjung an, das ist ebenso willkürlich als pomphaft-herkömmlich, das ist nicht selten schelmisch, noch öfter derb und grob – das hat Feuer und Mut und zugleich die schlaffe falbe Haut von Früchten, welche spät reif werden. […] Alles in allem keine Schönheit, kein Süden, nichts von südlicher Helligkeit des Himmels, nichts von Grazie, kein Tanz, kaum ein Wille zur Logik; eine gewisse Plumpheit sogar, […] etwas Willkürlich-Barbarisches und Feierliches, ein Geflirr von gelehrten und ehrwürdigen Kostbarkeiten und Spitzen; etwas Deutsches im besten und schlimmsten Sinne des Wortes“ (in: „Jenseits von Gut und Böse“).

Damit umschreibt Nietzsche trefflich die vielen musikalischen Aromen dieser Musik. Das zeigt sich am Beginn schon im groben Marschthema, welches zugleich Kontrapunkt im besten Sinne ist: „Ton gegen Ton“. Gelehrtheit und Banalität treffen aufeinander. Die nachfolgenden Achtelsequenzen sind bestens dazu angetan, den feierlichen Klang auszubilden wie die Simplizität eines Spielwerks anzudeuten. In dieses Reich des Absurd-feierlichen gehören auch die übertrieben breiten Schlusskadenzen. Man weiß nicht Recht, ob man es für Ernst oder Spaß rechnen soll. Das ist nicht böse gegen Wagners Musik gemeint, im Gegenteil: Er bringt es ja fertig, diese gegensätzlichen Charaktere zu mischen und sich ihrer meisterlich anzunehmen. Dieses Verhalten darf man als ironisch bezeichnen.

Nietzsche beschließt seine Beobachtungen am Vorspiel mit folgenden Worten:

„Diese Art Musik drückt am besten aus, was ich von den Deutschen halte: sie sind von vorgestern und übermorgen –- sie haben noch kein Heute.“

Damit deutet Nietzsche an, dass die durchs Drama angeregte Ausweichung in die Meistersinger-Zeit einen historisierenden Zugriff schafft, der gleichzeitig mit der avancierten musikalischen Technik gekoppelt wird, die für ihn durchaus Musik aus der Zukunft zu sein scheint. Diese Mixtur produziert hier nationale Aktualität und nationale Identität, aber nur eine fiktive. Es handelt sich um eine Form des „Verlegenheitshistorismus“ wie ihn der Soziologe Helmuth Plessner in seiner Untersuchung „Die verspätete Nation“ beschrieb. Nach seiner Auffassung „wird die vitale Bedeutung der Historie für Deutschland als ein Ersatz der fehlenden bürgerlich-politischen Tradition im neuen Reich begreiflich.“ Dieser Umstand mag erklären helfen, warum die „Meistersinger“ in Deutschland auf einen fruchtbaren Boden der Rezeption fielen und zur National-Oper hochstilisiert werden konnten: als eine künstlerische und künstliche Produktion von Tradition. So ist es bei Wagner wohl gemeint und doch durch die Ambivalenz geradezu artistisch gebrochen –- vielleicht wider Willen, vielleicht als notwendige Folge jedweder Form von großer Kunst.

Quelle: Programmhefttext für ein Konzert der Hamburgischen Staatsphilharmonie 1999.

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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2 Antworten

  1. 29. Juni 2016

    […] hätte das Programm nicht etwas anderes dazu zu bieten gehabt, um es einzubetten. Davor gabs das „Vorspiel zu den Meistersingern von Nürnberg” von Wagner, danach Hanns Eislers “Deutsche Sinfonie” (1930-1958) — bei Gelegenheit werde […]

  2. 29. Juni 2016

    […] Gegensatz zu den Werken von Wagner und Beethoven hat die „Deutsche Sinfonie“ von Hanns Eisler die Popularität ihres Schöpfers […]

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