Rudolstädter Gänge und Gespräche

Rudolstadt, ein Ort an der Saale, jeder Jahr am ersten vollständigen Juli-Wochende bevölkert von Menschen aus aller Welt zum “Tanz- und Folkfest”. Auch ich war einmal da im Jahr 2000. Es ist dort seltsam. Es wird gefeiert, getanzt, neben Musikern und Freaks, Gaukler und Zauberer. Alles im Schatten des Köstritzer Edelgesöffs. Der Osten ist noch richtig wild, in Natur und Menschlichkeit. Mir sind seit einiger Zeit derartige Veranstaltungen von vornherein verhasst. Aber doch, in Rudolstadt, da ist es etwas anders. Man tanzt und singt und ist recht herzlich vergnügt. Es dampft über den Köpfen.

In Rudolstadt. Foto: Hufner

In Rudolstadt. Foto: Hufner

Aber nicht alles ist dort unbesehen schön. Untergebracht war ich in einem Hotel in Bad Blankenburg. Als ich dort das erste mal von meinen Bekannten dort abgesetzt werden sollte und man nicht so recht wusste, wo man hinfahren musste, steuerten wir eine Tankstelle an. Je näher wir dem Häuschen kamen, desto panischer drückten wir aufs Gaspedal. Die ostdeutsche Glatze hat sich diese Ausschankstätte als Treffpunkt genommen. Irgendwie wurde das Hotel Sterneck (oder so ähnlich) erreicht. Eine Art Riesenvilla, die mich an Thomas Mannsche Romane erinnert. Riesen Treppenaufgänge, hochherrschaftlich. Dann die Mitteilung, dies sei einmal eine Fortbildungsstätte für Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen. Na prima.

Innerhalb kurzer Zeit mit unseligen Ursprüngen und Folgen deutscher Geschichte konfrontiert. Wenn man aber mit Ortsansäßigen einmal ins Gespräch kommt, dann wird es richtig interessant. Das war tags drauf. Als ich bis spät in die Puppen noch bei einigermaßen regnerischer Niesellage früh morgens unbedingt “FSK” aus München hören wollte. Das dürfte nach drei gewesen sein. Es ergab sich das Problem der Heimfahrt nach Bad Blankenburg zum Ausruhen. In dieser kleinen Großstadt Rudolstadt schien es jedoch keine Lebewesen mit Aufschrift Taxi zu geben. Es war ein Umherirren zwischen Bahnhof, Ausfall- und vermeintlichen Hauptstraßen. Bevor ich in ein Taxi einsteigen konnte, vergingen gut 90 Minuten. Das Gespräch mit dem Fahrer entwickelte sich sehr freundlich. Ehemals war er ein geschätzter hoher Technik der hiesigen Chemieforschung. Er tat einiges auf über die diversen Lebensläufe seine Kollegen und über die Politik vor Ort und insgesamt. Er tat dies nicht mit dem Gefühl der Verzweifelung oder der beleidigten Leberwurst sondern ziemlich souverän. Wir sprachen auch über uns Wessis. Überhaupt über alles, was im Argen liegt; nicht auf der rein abstrakten Ebene der Politik und ihrer Entscheidungen. Keine Stilisierung von uns beiden als Opfer derer da oben.

So saßen wir noch einige Minuten direkt vor dem Hotel im Taxi und unterhielten uns und wünschten uns am Ende alles Gute und gingen und fuhren wieder unserer Wege. [Und jetzt bitte keine Häme, dass diese erklären könnte, warum Rudolstadt so taxiarm war, wenn alle sich so verhalten, wie wir es taten.]

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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