Zur Musiksoziologie [Max Weber]

So einfach ist der gegenwärtige Titel einer reichhaltigen Schrift Max Webers, die dieser leider nie selbst zum Druck führte. In der Gesamtausgabe ist der Text neu ediert und überaus kenntnisreich kommentiert und erläutert von Christoph Braun. Da geht es um die Geburt der Musikwissenschaft, die man jetzt vielleicht doch besser einzuordnen versteht als bisher. Braun zitiert darin Erich von Hornbostel, einen frühen Musikethnologen, der die Gefahr sah,

„daß die rapide Ausbreitung der europäischen Kultur auch die letzten Spuren fremden Singens und Sagens vertilgt. Wir müssen retten, was zu retten ist, noch ehe zum Automobil und zur elektrischen Schnellbahn das lenkbare Luftschiff hinzugekommen ist, und ehe wir ganz Afrika Trarabum-diäh und in der Südsee das schöne Lied vom Kohn hören.“

Diese Einsicht stammt aus der Zeit des mittleren Endes des kolonialistischen Imperialismus‘. Gerade noch hatte man rechtzeitig den Phonographen erfunden und bannte damit die letzten Urlaute auf Walze.

Mir persönlich waren diese Ethnologen immer fremd geblieben. Dieses Analysieren von Musik anderer Kulturen, wo ich doch schon mit der „eigenen“ genug Probleme zu bewältigen hatte. Das war Sandalenmusik und Bambusröckchen-Gekloppe. Nun, nach dieser Lektüre sehe ich es anders.

Der Witz ist nämlich folgender: Die „echten“ Musikwissenschaftler damals waren regelmäßig ultrakonservativ, hingegen die Musikethnologen ihrer Zeit voraus. Die einen sahen auf den gültigen Kanon und seine Konservierung, die andern sahen das Potential der fremden Kulturen zur Verunsicherung der eigenen Kultur. So sahen es auch die Komponisten eher. Schönbergs Harmonielehre ist der Versuch einer Verunsicherung.

„harmoniefremde Töne sind bloß solche, die die Theoretiker nicht in ihr System der Harmonie unterbringen konnten“ und gerade von „jenen Teilen, die sich nicht decken […], geht eben die Revolutionierung aus“

zitiert Braun Schönbergs Harmonielehre.

Das ganze Werk Brauns und Webers bedarf noch weiterer Klärung. Es sei aber allen empfohlen, die sich für Wissenschaftsgeschichte und die „Grundlagen der Musik“ interessieren.


  • Max Weber-Gesamtausgabe: Band I/14: Musiksoziologie, Nachlass 1921, (hg. von Christoph Braun und Ludwig Finscher), Mohr/Siebeck 2004, 149,–€, ISBN 3-1614-6956-9

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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