Splitter Orchester und Felix Kubin eröffnen „Monat der zeitgenössischen Musik“

Der Monat der zeitgenössischen Musik wurde am Freitag mit einem Konzert des Spitter Ochesters Berlin und mit dem Live-Elektroniker Felix Kubin stilvoll im Berliner Heimathafen (Neukölln) eröffnet. Eröffnet ist dabei durchaus auch im übertragenen Sinn korrekt. Es war ein Konzert mit vielen offenen ästhetischen Ansätzen und daher in der Lage, ein Feld von Möglichkeiten für Künftiges zu bereiten.

Komposition und Improvisation sind nicht wirklich Gegensätze. Sie können sich amalgamieren, wenn die Musikerinnen fähig genug dazu sind. Das „Splitter Orchester“, bestehend aus mehr als 20 Musikerinnen, versteht sich als Ensemble von Komponistinnen/Improvisateurinnen, die zugleich ihre Instrumente (von der Querflöte über Piano Inside zu Electronica) beherrschen. Ein Erfahrungsschatz musikalischer Praktiken tut sich da auf. Nicht zwischen den konstruierbaren Gegensätzen von Komposition und Improvisation, sondern in einer eigenen musikalischen Poetik. Echtzeitmusik ist dafür kein falscher Begriff.

Zersplittert

Zu Beginn des Konzertes in einer freien Komposition (sie nennen es „raumspezifische Komposition“), bei dem man den Raum akustisch bei gedämpftem Licht „testete“. Wie das so ist: Das ist mal dichter, mal lichter, mal lauter/impulsiv (das Hallgeschehen) (, mal leiser (klangtragend). 23 Menschen koordinieren ihre Klangmöglichkeiten instantan. Das gelingt besser oder auch schlechter. Hier – wenn man sich in den Raum als Zuhörerin einschwang – blieb es wenig mitnehmend. Das Rhapsodische der Klangbewegungen in ihrer zeitlichen Struktur erschloss sich nicht zum Ganzen. Das ist nicht tragisch, aber mit circa 40 Minuten deutlich zu lang gewesen.

Gekittet

Was mit dem Splitter Orchester wirklich möglich wäre, zeigte sich dagegen nach dem Set von Felix Kubin mit einem Stück des Mitglieds Ignaz Schick mit seinen „Nilreb Variations“ für Splitter Orchester (2017/18). Das Stück, etwa genauso lang wie die „raumspezifische Improvisation“ zu Beginn, war knackig strukturiert mit vielen Klanginseln des Innehaltens, aber eben auch mit Tutti-Akzenten, die Wucht hatten. Man kann geradewegs Improvisationen zu veränderlichen Werken konstituieren, das zeigt sich hier schlagend.

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Das war bunt, klangfarbenreich. Immer wieder neue klangliche Legierungen wurden da gefertigt, mal eher weiche, mal eher harte, mal glattere, mal rauhere. Wenn man dabei die Augen geschlossen hielt, war es von genauso großer Entschlossenheit, als hätte man es auch genauso komponieren können. Nun, das ist zwar nicht das eigentliche Ziel des Unternehmens, sondern, einen präzisen ausgefransten Rahmen für das ungefähr Präzise zu bauen. Schick hat das mit großer Kenntnis der Fähigkeiten seiner Musikerinnen vorausgehört. Wozu also komplexe Metren auf dem Papier notieren, wozu Hyperpolyphonie konstruieren, wenn man sie improvisatorisch auf so ökonomische und akustisch packende Art herstellen kann. Ein großartiges Stück mit dem wundervollen Tonkörper des „Splitter Orchesters“.

Elektronisch verbraten

Dazwischen dann (DJ) Felix Kubin auf der Bühne allein, umgeben von allerlei Elektronikgedöns. Kubin hat schon länger Kontakt mit dem Splitter Orchester, ist aber nicht Teil von ihm. Es gibt aber Beziehungen: Ich muss gestehen, was da bei welchem Potentiometer oder Knöpfchen passiert, das kann ich nicht ermessen. Auch die Funktion und die akustischen Folgen des von ihm eingesetzten Lichtscanners – mit dem er über Hüllkurven wohl aus Improvisationsmaterial des Splitter Orchesters fuhr – kann ich nicht ermessen. Das Ergebnis waren zwei Stücke in der Mitte des Abends „Lichtsplitter“übersetzt „Diagram 2“ (2016) und „Lückenschere“ übersetzt „Diagram 1“. Mit beiden Stücken spann Kubin sein liveelektronisches Klanguniversum auf, beide in ihrer jeweiligen Klanglichkeit durchaus eindeutig – da mal luftig schwebend, dort eher rhythmisch getaktet – bei „Lückenschere“ deutlich mit repetitiven rhythmischen Grundierungen. Daraus resultierend: Ein Klangzauber in den man sich wirklich hineinlegen mochte. Polyemotional ist es auch hier, schön.

Das Konzert, allemal würdig, den Monat der zeitgenössischen Musik in Berlin zu starten. Mit Wumm und mit Losigkeit, mit Krach und mit ätherischer Weite. Aber eben nicht als gewürfelter Kosmos, sondern als klangkosmischer Würfel. Kann so weitergehen …


Zuerst erschienen auf nmz.de am 3.9.2018.

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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