29. November 2020 Guten Tag, everybody
Thomas Schäfer. Foto: Hufner

Verschieben statt abblasen – Die Darmstädter Ferienkurse in Corona-Zeiten

Kreative Prozesse im Prozess des Wandels in den Bedingungen eines Kulturinstitut der Stadt Darmstadt. Wie das gelingen könnte, dazu antworte Thomas Schäfer, Direktor des Internationalen Musikinstituts Darmstadt (IMD) und Künstlerischer Leiter der Darmstädter Ferienkurse.

Martin Hufner: Herr Schäfer, Sie mussten die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik im Jahr 2020 abblasen. Wieviel Entscheidungsspielraum hatten Sie bei dieser Entscheidung und was waren die ausschlaggebenden Gründe am Ende?

Thomas Schäfer: Die Darmstädter Ferienkurse sind ja eine Biennale, was es uns ermöglicht hat, sie um ein Jahr zu verschieben und nicht ganz absagen zu müssen. Die Informationslage hat sich ja im März und April beinahe täglich verändert und wir haben eine zeitlang, als es noch keine offiziellen Verordnungen für den Sommer gab, mehrere Szenarien parallel durchdacht und verfolgt. Und natürlich gehofft. Aber es hat sich leider relativ schnell abgezeichnet, dass eine so international ausgerichtete Veranstaltung in diesem Jahr kaum umzusetzen sein würde. Mal ganz abgesehen von beschränkten Publikumszahlen und Raumbedarf: Unsere Teilnehmer*innen, Dozent*innen und Gastkünstler*innen leben in etwa 50 verschiedenen Ländern. Dadurch haben auch die eingeschränkten internationalen Reisemöglichkeiten große Bedeutung für uns und unsere Teilnehmer*innen, die ihre Reisen in der Regel mit viel Vorlauf buchen, damit die Kosten erträglich bleiben. Letztlich mussten wir auch deshalb schon relativ früh und in enger Abstimmung mit der Stadt Darmstadt eine Entscheidung herbeiführen. Natürlich wären die zweiwöchigen Ferienkurse mit ihren vielen internationalen Gästen auch ein besonderes Risiko gewesen. Jetzt, Anfang Juni, erscheint das alles folgerichtig. Im März haben wir uns schon manchmal gefragt, ob sich das Blatt bis zum Sommer vielleicht doch noch wenden könnte.

MH: War es eine Entscheidung durch Sie allein?

TS: Nein, keinesfalls, die Entscheidung war ein längerer Prozess, in den neben meinen Mitarbeiter*innen viele Gesprächspartner*innen eingebunden waren: von offizieller Seite bei der Stadt Darmstadt, von Fördereinrichtungen, aber auch mit unseren Künstler*innen und Dozent*innen haben wir frühzeitig über die unsichere Situation kommuniziert.

MH: Wenn in diesem Jahr die Ferienkurse ausfallen, könnte man denken, fein, dann macht die Organisation einfach Urlaub. Oder als Frage: Welche neuen Aufgaben sind auf diese Weise entstanden?

TS: Wir haben die Darmstädter Ferienkurse ja nicht abgesagt, sondern auf den Sommer 2021 verschoben. Das war und ist schon ein ziemlicher Kraftakt, dieses gesamte Geflecht aus Akademie und Festival möglichst zusammenzuhalten und nicht allzu viele Einzelteile zu verlieren. Das scheint uns, zwar vielleicht nicht in allen Punkten, aber zum Glück zu einem sehr großen Teil zu gelingen. An dieser – in ihrer Tiefe recht komplexen – Verschiebung arbeiten wir natürlich immer noch, zudem überlegen wir intensiv, wie wir mit unserer Community, die ja in der ganzen Welt verstreut lebt und arbeitet, das kommende Jahr über im Austausch bleiben können.

MH: Kann man sich die Verschiebung der Ferienkurse einfach vorstellen, als ob man nur das Datum austauschen muss?

TS: Nein, so einfach ist es leider nicht. Es sind dann doch schon viele Bälle in der Luft, die die künstlerische, organisatorische, finanzielle und strukturelle Planung betreffen.

MH: Oder noch anders gefragt? Werden sich die geplanten Ferienkurse 2021 deutlich von den Ferienkursen 2020 unterscheiden, und wenn ja, wie?

TS: Eine Woche, nachdem wir entschieden hatten, die Ferienkurse um ein Jahr zu verschieben, hätten wir unser Festivalprogramm veröffentlichen wollen. Große Teile des Akademie- und Workshopprogramms hatten wir bereits sukzessiv die Wochen und Monate vorher kommuniziert, etwa 300 Kursteilnehmer*innen hatten sich bereits angemeldet. Wir befanden uns also bereits in der wirklich heißen Phase in der Vorbereitung. In dieser Phase plötzlich innezuhalten und zu überlegen, wie die weitere Strategie aussehen könnte, erfordert von allen Beteiligten ein hohes Maß an Flexibilität. Wir haben uns zu einer kompletten und eben nicht partiellen Verschiebung entschieden. Wir wollten keine „amputierten“ Ferienkurse, bei denen manche Angebote allein im digitalen Raum stattfänden. Für uns hat das Zusammenkommen und Zusammenarbeiten in Darmstadt eine ganz zentrale Bedeutung. Viele ehemalige Teilnehmer*innen erzählen uns, wie wertvoll diese künstlerischen Begegnungen im Rückblick für sie waren. In den zwei Kurswochen entsteht im Idealfall ein Spirit innerhalb der Community, der schwer zu ersetzen ist. Künstlerisches Team und mehr als 400 Kursteilnehmer*innen arbeiten alle gemeinsam an der Musik, die uns fasziniert und umtreibt.

Wir wollten keine „amputierten“ Ferienkurse, bei denen manche Angebote allein im digitalen Raum stattfänden.

Thomas Schäfer

In welchem Maße sich das nahezu fertige Programm der Ferienkurse innerhalb des folgenden Jahres verändern wird, lässt sich heute natürlich schwer vorhersagen. Aber ich bin mir sicher, dass sich die künstlerischen Projekte auf der Grundlage der aktuellen Erfahrungen sehr wohl verändern werden. Es handelt sich ja nicht durchweg um konzertante Formate. Künstler*innen, die gerade für die Ferienkurse neue Projekte entwickeln, werden sicherlich ein Jahr später künstlerisch an einem ganz anderen Punkt stehen. Wie sehr wir selbst als Planungsteam damit umgehen werden, wird sich ebenfalls zeigen. Ich denke schon, dass wir alle, die in der künstlerischen Planung stecken, unser eigenes Tun und Handeln, unsere eigenen Ressourcen und Institutionen neu bewerten sollten.

MH: Gab es finanzielle Folgen, mussten Sie Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken? Welchen Folgen hat das für die Dozent*innen und die Teilnehmer*innen? Honorare etc.

TS: Das Gesamtbudget der Ferienkurse von einem (Haushalts-)Jahr ins nächste zu schieben, ist kein einfaches Unterfangen. Die meisten Fördereinrichtungen sind aber äußerst kooperativ und haben sehr zügig signalisiert, dass wir auch im Sommer 2021 mit den zugesagten Mitteln arbeiten können. Bevor wir über eine Verschiebung entscheiden konnten, mussten wir natürlich die finanziellen Aspekte weitgehend vorher geklärt haben.

Da das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD) ein Kulturinstitut der Stadt Darmstadt ist, brauchte keine/r meiner Mitarbeiter*innen in Kurzarbeit zu gehen. Zudem waren und sind wir mit der Verschiebung der Ferienkurse und mit unseren anderen Aufgaben, beispielsweise der Pflege unseres umfangreichen Archivs und der Betreuung von Forschungsanfragen, sehr gut ausgelastet.

Natürlich wissen wir auch, dass eine Verschiebung statt einer Absage für die Dozent*innen, Künstler*innen, Ensembles und das selbständige Produktions- und Soundteam monetär ein schwacher Trost ist. Wir versuchen, in jedem Einzelfall Lösungen zu finden. Bei Vielen gibt es zum Beispiel umfangreiche Vorarbeiten, die wir natürlich schon in diesem Jahr honorieren können.

MH: Hatten Sie in Erwägung gezogen, die Ferienkurse nicht doch wenigstens in Teilen sozusagen zu digitalisieren? Zumindest ohne die Instrumentalkurse? Gerade die neue Neue-Musikszene scheint doch recht technikaffin?

TS: Nein, wie erwähnt war das für uns keine Option und die Rückmeldungen darauf klangen eigentlich auch eher dankbar. Ob und wie wir Online-Tools künftig trotzdem stärker für die Kurse nutzen können, ist natürlich schon die eine oder andere Überlegung wert.

… das war dann am Ende auch eine sehr schöne Erfahrung zu sehen, dass alle an einem Strang ziehen …

Thomas Schäfer

MH: Im Rahmen der Ferienkurse wird traditionell auch der Reinhard-Schulz-Preis für zeitgenössische Musikpublizistik in einer öffentlichen Veranstaltung verliehen. Wird die Verleihung auch um ein Jahr verschoben, oder haben Sie sich etwas anderes ausgedacht?

TS: Wie und in welchem Rahmen der gerade an Friedemann Dupelius vergebene Reinhard-Schulz-Preis auch öffentlich verliehen wird, haben wir noch nicht entschieden. Dazu gibt es verschiedene Überlegungen, die aber noch nicht spruchreif sind. 

MH: Alles Probleme, die man nicht gern gehabt hätte, schätze ich: Trotzdem, gibt es irgendetwas, was Sie auch an Positivem aus der Situation mitnehmen können? Und gab es auch Enttäuschungen, die sie in dieser Form vielleicht gar nicht erwartet hätten – Menschen, Finanzierung, Bürokratie, ausbleibende Hilfe?

TS: Selbstverständlich hätten wir liebend gerne die Ferienkurse 2020 wie geplant im Sommer ausgerichtet. Zu realisieren, dass dies durch viele unterschiedliche Faktoren nicht möglich sein würde, war eine schmerzhafte Erfahrung, nicht nur für uns im IMD, sondern auch für unsere Kursteilnehmer*innen, Dozent*innen und beteiligten Künstler*innen. Einige von ihnen stecken ja mitten in einem kreativen Prozess, der auf ein Ziel im Sommer ausgerichtet war. Das Feedback, das uns von ganz unterschiedlicher Seite erreicht hat, hat uns allerdings sehr bestärkt in unserer Entscheidung. Und das war dann am Ende auch eine sehr schöne Erfahrung zu sehen, dass alle an einem Strang ziehen und sehen, in welcher besonderen Situation wir uns befinden. Ich möchte hier auch ganz besonders die Stadt Darmstadt und unsere Fördergeber einbeziehen, ohne deren schnelle Rückmeldungen und Rückendeckung wäre diese Verschiebung nicht möglich.

Vielen Dank für das Gespräch!