6. Dezember 2021 Guten Tag, everybody
Musiker:in. Foto: Hufner

Nur Vertrauen schafft Gerechtigkeit

Das schwankende Schiff der Kultur auf der Welle der Umbrüche

Wir alle wünschen uns Gerechtigkeit in wirtschaftlicher, sozialer und persönlicher Hinsicht. Das Bestreben aller rationalen und aufgeklärten Gesellschaften geht in diese Richtung. Gesellschaften, in denen Ungerechtigkeiten allgemein dauerhaft spürbar werden, geraten in kritische Zustände. Für gewöhnlich sind moderne Gesellschaften und die Beziehungen der Menschen untereinander mit einer Fähigkeit ausgestattet, die man Vertrauen nennt. Wo dieses Vertrauen und das Vertrauen ins Vertrauen schwindet, wird das Zusammenleben miteinander heikel. Die Corona-Pandemie zeigt, wie anfällig, aber auch, wie widerständig und anschmiegsam die Menschen dabei häufig genug bleiben. Das betrifft den kulturellen Sektor im Allgemeinen wie den musikalischen im Speziellen genauso. Ungerechtigkeiten sind kurzfristig, im Vertrauen auf ihre Korrektur, sicher unvermeidbar.

Musiker:in. Foto: Hufner
Musiker:in. Foto: Hufner
Die aktuelle siebte Auflage des Handbuchs der Musikwirtschaft bringt fast zwei Kilogramm auf die Waage bei über 1.000 Seiten. Der größte Teil des Werks besteht aus Vertragsvorlagen und Gesetzestexten. Die Komplexität des Systems des Wirtschaft-Musiklebens bildet das ganz gut ab. Fast undurchdringlich wirken die Beziehungen, von den Urheber*innen über die Interpret­*innen zu den Verwerter*innen und Verkäufer*­innen bis zu den Nutzer­*innen – im Rahmen nationaler, europäischer und internationaler Handelsbeziehungen und Gesetze, die sich dann zudem im stetigen Wandel befinden.

Je nachdem, wohin man schaut und wie man es gerade braucht, werden Zahlen quergedacht: Das Selbstverständnis von Kunst und Kultur gilt den einen als systemrelevant oder aber als kritisch, mal als grundrechtlich verbrieft, dann wieder als Unterhaltung, lieber aber als sogenanntes Lebensmittel oder als Bildungsnotwendigkeit; gerne alles zugleich, trotz instabiler Lage und mal mehr, mal weniger staatlich oder kommunal beatmet. Dem entspricht die fast grenzenlose Vielfalt musik-, aber auch allgemeinkultureller Tätigkeiten ihrer Protagonist*innen mit ihren zahllosen Lebensformen, die von eklatanter Armut bis zu obszönem Reichtum reichen. In Teil- oder Vollzeit, zwischen lebenslangen Schulden und Erbschaftsglück, zwischen sozial abgefedert und auf hartem Boden gebettet, finden sich fast nur individuelle Lebensentwürfe und alle verlangen Berücksichtigung und gesellschaftliche, gerne auch materielle, Anerkennung.

Zwischen all diesen Beziehungen ruckelt es mal mehr, mal weniger; leider in den letzten Jahrzehnten häufiger mehr. Ein lebhaftes Beispiel solcher Konfrontationen findet sich in unserer aktuellen Ausgabe in dem Gespräch, das unser Chefredakteur Andreas Kolb mit Julia Reda (ehemals Abgeordnete der Piratenpartei im EU-Parlament) und dem Komponisten und Präsidenten des Deutschen Komponistenverbandes Moritz Eggert geführt hat (S. 15f). Es geht dabei um die Richtlinie zum Urheberrecht im europäischen Binnenmarkt, die vor zwei Jahren zahlreiche Menschen gegen sogenannte Upload-Filter und damit einhergehende Befürchtungen von Zensur- beziehungsweise Einschränkungsmaßnahmen bis hin zur apokalyptischen Mutmaßung über das Ende des Internets auf die Straße gebracht hatte. Dieser „Partei“ standen professionelle Urheber- und Interpret*innen gegenüber, die schon lange zusehen mussten, dass mit ihrer geistigen Arbeit andere Unternehmen (YouTube, Facebook, Google) sich ihr Geschäftsmodell materiell veredeln konnten, sie selbst aber leer ausgingen. Unterstützt wurden diese Netzgiganten von Nutzer*innen, die nur durch diese Unternehmen die unbedingte Freiheit der Information und die kostenfreie Teilhabe an Kunst und Kultur verwirklicht sahen. Ausgestattet mit dem Nimbus der ewigen Startup-Unternehmen fanden und finden YouTube, Google und Facebook Schutz unter den Fittichen dieser lautstarken Öffentlichkeit, nicht nur in den „sozialen“ Medien.

Die Mär vom innovativen, aber hilfsbedürftigen Start-up wie bei YouTube hält sich hartnäckig, ist aber obsolet – aus Studentinnenzimmern und Garagen sind längst Informationspaläste erwachsen. Die Meldung, dass beispielsweise Facebook in seinem Ökotop in Australien sämtliche Nachrichtendienste abgeschaltet hat, kommt so wenig überraschend, wie sie aufgeklärt politischen Gemeinwesen zugleich außerordentliche Sorge bereiten muss. Grund dafür war, dass Australien Facebook (und Google) aufgefordert hat, für das „Nutzen fremder Inhalte professioneller Anbieter wie Verlagshäuser zahlen zu lassen“, schreiben die FAZ-Autoren Christoph Hein und Roland Lindner. Längst haben sich die Internetgiganten zu einer vierten politischen Macht gemausert, denen es besonders gut ins Geschäftsmodell passt, wenn deren Nutzer*innen sich untereinander beharken.

Im Gespräch zwischen Reda und Eggert kommen sich die ehemals erbitterten Gegner*innen langsam doch etwas näher. Sie spielen das Gerechtigkeitsspiel. Aber dem Ziel, dem im Prinzip beide Seiten sich verpflichtet fühlen, nämlich Gerechtigkeit (für alle) zu generieren, kommt man ab dem Moment nicht mehr bei, wo die Kraft des Faktischen durch Wirtschaftsgiganten über der Gesellschaft und ihrer öffentlichen Auseinandersetzung mit sich selbst steht. Wer die Macht über die Kommunikationsströme hat, kann sein Schiff beliebig steuern, denn er hat einen ziemlich direkten Zugang zu den Wünschen der Menschen und zu deren Manipulation.

Zurück in die Niederungen des Urheberrechts in Zeiten globaler Kommunikation: Das Bundeskabinett versteht den Gesetzesentwurf zur Reform des Urheberrechts als Realisierung eines „fairen Interessensausgleichs“. Das allerdings sehen die Betroffenen samt und sonders anders. So kollidieren die Interessen insgesamt miteinander. Fair, scheint es, ist nur, was meine Interessen berücksichtigt. Da herrscht Misstrauen auf jeder Stufe der Gesellschaft. Leider.

Die Frage ist: Was kann man dagegen machen? Es gibt Möglichkeiten: Wirtschaft regulieren! Was aber für ein böses Wort. Kreative und kulturelle Selbstorganisation! So weit kommt’s noch, viel zu unbequem und mit Engagement verbunden. So sind leider bis heute Unternehmungen der Kulturindustrie, die die Interessen aller Gruppen berücksichtigen würden, nie in die Hände ihrer Nutzer*innen gefallen oder aus ihnen hervorgegangen. Die einzige Ausnahme von globaler Relevanz ist wahrscheinlich Wikipedia.

Zu einem Zeitpunkt, da die politischen, sozialen, sittlichen und wirtschaftlichen Beziehungen irreversibel global verhandelt werden, führt kein Weg ins kulturelle Paradies zurück oder hinein. Das gab es ja auch noch nie. Kunst für alle ist möglich, Glück leider nicht.


Zuerst erschienen in nmz Ausgabe: 3/2021 – 70. Jahrgang