Blick aus dem Grab

Wien: In Nader Mashayekhis Oper „Malakut“ (Libretto: Andrea Zschunke) ist das Publikum unterhalb der Bühne positioniert. Es beobachtet aus den Gräbern heraus das Geschehen an der Erdoberfläche. Es ist zugig. Dort geht ein Endzeitdrama ab, das fast alle Beteiligten in den Tod reißt.

Berlin: Musikbox vor dem Konzerthaus. Gegen einen kleinen Obolus von einer Mark darf man sich ein kurzes Musikstückchen auswählen. Kompositionen von Bauckholt, Rasch, Cage, Walter, Stockhausen und viele andere Werke stehen zur Disposition. Es ist kalt. Nachdem das Tor der Box sich knarzend öffnet, wird das gewünschte Stück vom Ensemble L’art pour l’art aufgeführt. Danach scheppert das Tor wieder zu.

Wien: Drei Sprechersänger und ein Pantomine. Mal in einer Sitzgruppe, mal als Figurinen-Kabinett geben sie verständliche Laute von sich; Gebrabbel-Papperlapapp. Keine Worte einer bekannten Sprache, aber alles ist klar. Ligetis „Aventures“ und die „Nouvelles Aventures“. Es ist warm. Das Ensemble Modern inszeniert neue Musik.

Berlin: Exotische Schlaginstrumente auf der Bühne, unexotische Musiker. Es ist warm. Man gibt Kagels „Exotica“, durchläuft sprunghaft den Widersinn von fremden Musikkulturen, wenn sie einverleibt werden. Es gibt viel zu lachen. Einige Besucher verlassen empört den Saal.

Selfie. Foto: Martin Hufner

Selfie. Foto: Martin Hufner

Das sind vier kurze Eindrücke von der diesjährigen Musik-Biennale in Berlin und von Wien Modern. Festivals für neue Musik suchen nach neuen Präsentationsformen und nach präsentablen Stücken. Längst hat man erkannt, daß sich das Musikleben der neuen Musik nicht allein auf die heiligen Visionen von Komponistenpartituren verlassen kann und daß Turnhallenmuff von Donaueschingen wie die Darmstädter-Dogmen-Fights längst so verstaubt sind wie Großvaters Vorstellungen von Sitte und Moral. Ist man auf dem Weg, die neue Musik showbizzkompatibel umzuwerten und multimediaspektakulär aufzupeppen, oder ist es einfach der Versuch aus den Gräbern der neuen Musik zu entsteigen – nicht als Zombies, sondern dem gelobten Paradiese zu? Oder ist alles nur eine Anbiederung an die veränderte Medienwahrnehmung der modernen Gesellschaft?

Soviel ist wahr: „Wien Modern“ füllt die Säle mit Publikum und wer dabei an Übles denkt, der schwört der Vorstellung ab, daß die neue Musik auch über den Zauber um sie herum eine Wirkung zeitigen kann. Die authentische neue Musik der Gegenwart ist voller kleiner Zeitbomben, deren gesellschaftsändernde Wirkung eben eine Gesellschaft braucht. Nur in Gesellschaft dieser Gesellschaft wird sie mehr sein als eine popelige Darstellung von esoterischen Überhirnis.

Zuerst erschienen in: nmz 12/1997 – 46. Jahrgang

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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