Umgeknickte Zeit – Carla Bleys „Escalator over the hill“ in München 1998

Eigentlich hielt man diese Komposition für unaufführbar. „Escalator over the hill“ von Carla Bley ist ein musikdramatisches Werk einer Jazzerin, geschrieben in den wirren Zeiten der späten 60er und frühen 70er Jahre. Realisiert wurde dieses Opus auf Schallplatte in einem Produktionszeitraum von mehr als zwei Jahren. Es handelt sich um einen Meilenstein des Jazz. Nie erreichte der Jazz bisher wieder diese kongeniale Kombination aus Komposition und Improvisation. Damals gehörten so bekannte Musiker wie John McLaughlin, Don Cherry, Charlie Haden und Paul Motian zum Ensemble, und auch Rockröhre Linda Ronstedt ließ sich nicht lange bitten.

Man kann viel zur musikalischen Substanz dieses Werkes sagen, über die Katzensprünge in die Rockmusik hinein, über die Anleihen aus der frühen Musik von Kurt Weill, über das Sprachkonzept des Autors Paul Haines. Bley und Haines nannten dieses „Werk“ denn auch „a chronotransduction“, was sich nur mit Mühe und Not als „Zeitdurchführung“ eindeutschen ließe. Doch trifft dies magere Wort etwas vollkommen Richtiges. Es ist dieses „Werk“ ein vertikaler Zeitschnitt in und durch die Musikkultur, der in die horizontale Achse umgeknickt wird. Der Tonfall der Carla Bley spürt dabei den verschiedenen musikalischen Welten nach, die auch die Musiker in dieses Projekt miteinbrachten. Und dabei spielt Komik ebenso eine Rolle wie Melancholie. Zentraler musikalischer Einfall sind die sich drehenden, absteigenden harmonischen Fortschreitungen: Während die musikalische Aktivität sich steigert, sinkt zugleich die Tonhöhe, die Klangfarbe wird dunkler. Also auch innermusikalisch gibt es keine einfache Bewegung, sondern immer ist alles zweideutig.

Im Müchener Klaviersommer brachte eine internationale Combo aus etwa 18 Musikern und Musikerinnen diese als unaufführbar geltende Chronotransduction tatsächlich auf die Bühne. Natürlich war die Gefahr groß, damit allein musealen Gelüsten Folge zu leisten. Doch dafür ist diese Carla Bley einfach zu schlau. Neue Musiker führten zu neuen Passagen. Wie in der Ursprungsversion verwendet Bley die Musiker auch als Eigenschöpfer. Die alten Anleihen eines Don Cherry in anderen Musikkulturen waren so zum Beispiel durch neue Anleihen der neuen Musiker bei anderen Inspirationsquellen ersetzt. Und es sind genau diese Passagen, durch die es gelang, das Alte mit dem Neuen zu kombinieren, die Chronotransduction gewissermaßen ein weiteres Mal durchzuexerzieren.

Carla Bley ist die Multilinguistin unter den Jazzmusikern der Gegenwart. Sie ist fähig, sich gleichermaßen mit dem Tango und Rockmusik auseinanderzusetzen wie auch mit der sogenannten Neuen Musik. Und es gelingt ihr immer wieder aufs Neue, sich den verschiedenen Sprachwelten so zu nähern, daß kein peinlich imperealistisches Getue dabei herauskommt.

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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