Reality-Culture – Cluster

Wer von Musikkultur sprechen will, der darf über die gesamtkulturelle Verfassung nicht schweigen. Jürgen Habermas hat am 5. Juni knapp die politische Situation auf einen verteufelten Nenner gebracht: „… seit 1989 scheinen sich immer mehr Politiker zu sagen: Wenn wir die Konflikte schon nicht lösen können, müssen wir wenigstens den kritischen Blick entschärfen, der aus Konflikten Herausforderungen macht.“

2,7 Millionen Sozialhilfeempfänger, weitere 2,8 Millionen Bürger unterhalb der offiziellen Armutsgrenze, Zunahme von Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund im letzten Jahr um circa 30 Prozent. Eckdaten einer bundesdeutschen Gesellschaft der Gegenwart. Das scheint alles keine Rolle zu spielen. Ein Wahlkampf ist im Gange, der auf feucht-fröhlichen Optimismus setzt.

Im Kultur-Casino. Foto: Hufner

Im Kultur-Casino. Foto: Hufner

Diese Gesellschaft zerfällt offensichtlich in Reiche und Verarmte. Die Flügel einer lebendigen Kulturlandschaft werden Feder für Feder amputiert, natürlich nicht ohne auf die große finanzielle Armut im Lande hinzuweisen. Freilich sind die Armen nicht reicher geworden, obwohl Goetheinstitute geschlossen wurden und werden, obwohl Opernhäuser aufgelöst wurden und werden, obwohl Musikschulunterstützungen gekürzt wurden und werden. Der staatliche Ruf nach Solidarität findet naturgemäß bei bei der sogenannten Intelligenzia größeren Widerhall als in der Vorstandsetage von BMW, VW oder der Deutschen Bank.

So werden die Schlauen die Dummen. Und die Schlauen sind mittlerweile dumm genug, sich all dem zu beugen. Auch das zeigt der letzte Studentenstreik. Statt einer „Aktion Bildung“ resultierte eine weitere „Aktion Anpassung“. Schneller lernen, schneller anpassen, schneller vergessen. Statt sich gegen die Abwicklung einer mündigen kulturellen Identität mit solidarischem Protest zu wehren, läßt man sich in partielle Nischen einquartieren, in eine staatlich organisierte Verbands-, Vereins- und Ratsmeierei. „Die lähmende Aussicht, daß sich die nationale Politik in Zukunft auf das mehr oder weniger intelligente Management einer erzwungenen Anpassung an Imperative der ‘Standortsicherung’ reduziert, entzieht den politischen Auseinandersetzungen den letzten Rest an Substanz“, sagt Habermas. Und so stehen die Leo Kirchs, die Dieter Gornys, die Bertelsmänner in den Startlöchern, um einer demokratisch verfaßten und aufgeklärten Kultur den letzten Tritt zu geben und über VIVA, BRAVO TV und Musikantenstadl eine fabrikneue Kulturlandschaft entstehen zu lassen, um sie schließlich auf diese Weise vollkommen einzuschläfern.

Es gibt ein kleines Kinderlied aus dem Hessischen, das die Struktur der Gegenwart als einen innerstaatlichen Bürgerkrieg begreifen lehrt:

„Der Krieg ist für die Reiche,
der Mittelstand muß weiche,
die Arme werde Leiche.“

Zuerst erschienen in: nmz 9/1998 – 47. Jahrgang

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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