György Ligeti: Lontano für großes Orchester 1967

Es nimmt seinen Ausgang, sehr leise (vierfaches piano) auf dem eingestrichenen as einer Flöte und des gleichen Tones in einem Violoncello. Aus diesem Ton heraus entwickelt sich ein Musikstück, das sich wie ein Körper aus Klang im Ton- und Klangraum des Orchesters ausformt. Ligeti setzt das komplette Orchester solistisch ein und führt in der Regel die Stimmen so, dass wie in einem Kanon Stimmen nacheinander einsetzen und sich Schritt für Schritt, wie bei verschlungenen Fäden, folgen.

Dabei sind die Tonschritte in diesem Stück meistens sehr klein und die Kanonstimmen setzen in der Regel nicht auf dem „guten“ Taktteil ein. Vielmehr sind die Kanoneinsätze sozusagen jeweils zwischen der Zeit, zwischen die „Zähl“-Zeit gesetzt – die Zeit scheint irgendwie zu schweben. Die Musik nimmt die Hörenden auf dieses Weise ganz einfach an jeder Stelle des Stückes mit. Es breitet sich eine Art Klangebene aus, die dann gelegentlich durch kleine und größere musikalische Eruptionen innerhalb des Orchestersklangs modelliert wird. Gerade am Anfang von „Lontano“ kann das wirken, wie bei einer Zellteilung, die gelegentlich ein explosives Tempo annimmt. Plötzlich bekommt die Ziellosigkeit des Klangbildes eine eindeutige Richtung und damit das Stück selbst eine deutlich nachhörbare Klangform. Die Einzelstimmen sind im Übrigen genau phrasiert: Am Anfang des Stücks zum Beispiel aus dem vierfachen piano kommt ein crescendo zum einfachen piano und zurück bis zum Verlöschen des Tones (morendo). Dadurch entsteht ein ganz feines Ton-Gewebe, vergleichbar dem Vorgang des Knüpfens eines Netzes oder des Verwebens eines Teppichs aus kürzeren und längeren Fäden. Wenn man dann so einen kanonischen Prozess mit weiteren kanonischen Prozessen überlagert, verschiedene Tonlagen, verschiedene Instrumentengruppen wählt und diese in mit unterschiedlichen Lautstärke- (zum Beispiel einem „crescendo“-Prozess) und Artikulationsweisen (zum Beispiel Tremolo) versieht, dann kann aus einem Ton eine riesige, vielfarbig-schillernde Klangskulptur entstehen: Eine vage Klangskulptur aus Fäden unterschiedlicher Stärke und Farbe, deren Gesamtbild bald schärfer, bald unschärfer zu hören ist.

Darüber, oder davor, zumindest aber in der Summe ist diese Klangskulptur im Zeitverlauf formal sehr klar konturiert. Es gibt gewissermaßen musikalische Knoten, die man in „Lontano“ als Zieltöne oder -klänge hören kann. Man hört am Anfang wie sich ein Ton ausbreitet und im Tonraum auffächert. Dieser Fächer wird dann langsam wieder zugeklappt und endet auf einem hohen Ton, dem dreigestrichenen c. Danach kommt ein Passage, wo der Klang wie zerrissen wirkt: Ganz hohe Töne und ganz tiefe Töne, getrennt über sieben Oktaven. Übrig bleibt ein hoher, spitzer Klang und ein ganz tiefer zusätzlicher Ton (zusammen ein 10-Ton-Klang), in den jetzt die zwei übrig gebliebenen Töne wie bei einem Puzzlestein einhaken. Diese zwei Töne verteilt über mehrere Tonlagen, die dem 10-tönigen Klang zuvor quasi gefehlt haben, um ein 12-Ton-Klang zu werden, sind Ausgang für eine Teil der Komposition, der wie rückwärts zum Anfang komponiert erscheint, jedoch viel länger dauert. Jetzt fächert sich die Musik viel schneller und breiter auf. Über einen 23-stimmigen Kanon mit absteigender Tonfolge wird der Fächer mit kleinen Tremoloausbrüchen bis auf einen tiefen Ton (f) geschlossen. Da scheint die Zeit still zu stehen, wenn dieser Ton durch Streicherflageoletts auf den Tönen g und d ergänzt wird. Unmittelbar anschließend erklingt dann wieder eine Phase, in der das Orchester sich im Klang weit auffaltet, wobei man die „Fädenanfänge“ sehr deutlich wahrnehmen kann. Auf ein Mal fühlt man sich wieder in der Zeit. Zunächst in den tiefen Tönen und schließlich in einer Spiegelung der Töne in den oberen Registern. An dieser Stelle erzeugt Ligeti einen Effekt von Perspektive, von „Hinten“ und „Vorne“, von „Dunkel“ und „Helle“. Von hier an streben die meisten Stimmen auf einen hohen Ton (viergestrichenes dis) in großer Lautstärke zu, der zugleich plötzlich und langsam ausdünnt, weil unter dem „dis“ ein musikalische Raunen in den tiefen Registern stets präsent blieb. Danach scheint es, als habe dieser Ton eine Art Klangspur hinterlassen, die das Stück schließlich im tiefen Register mit einem langen decrescendo ins Unhörbare enden lässt. Über dem vorletzten Takt steht „senza tempo“ und dauert zehn bis zwanzig Sekunden. Der letzte Takt schließlich ist eine Generalpause: Kein Ton als Ton, Raum für das Nachhören, für das Anspitzen der Ohren in die musikalische Raumtiefe hinein. Diese Musik ist jetzt ganz entschwunden, fort. Das aus dem Italienischen stammende Wort „Lontano“ bedeutet in etwa „entfernt“, „weit weg“, „in der Ferne“. Und irgendwie klingt diese Musik auch ungenau, verschwommen, wenngleich man an einigen Stellen schärfere Konturen erhören kann, so als ob diese Musik näher an die Ohren der Hörer heranrückt.

Was sich hier lesen mag wie eine technische Beschreibung musikalischer Vorgänge ist jedoch im klingenden Resultat eine hochexpressive Musik. Sie fußt aber nicht mehr auf musikalischen Themen oder Motiven und deren Verarbeitung, wie sie in der Tradition der europäischen Musik bis weit ins 20. Jahrhundert typisch ist. Die formale „Geschichte“ des Stückes setzt sich zusammen aus lauter kleinen expressiv-musikalischen Partikeln, die bisweilen von Ligeti weit ausgedehnt werden und in der Summe diesen musik-skulpturartigen Charakter ausbilden. Aber „Lontano“ ist kein Glasperlenspiel mit Tönen oder Klängen. Während man sich in weiten Teilen der musikalischen Avantgarde in den 50er Jahren von einer „Ausdrucksmusik“ verabschiedete, ausdrücklich eine Musik „großer Gefühle“ vermeiden wollte, stehen die Komponisten in den 60er Jahren eher wieder vor der Fragestellung, wie Ausdruck möglich wird, jedoch so, dass man nicht in ein Pathos bekannter Gesten verfällt. Eine Antwort hierauf hat György Ligeti mit „Lontano“ komponiert. Auf der einen Seite ist dieses Stück technisch mit einem extrem hohen musikalischen Abstraktionsniveau komponiert. Auf der anderen Seite ist „Lontano“ mit einem hörenden Gespür für eine Ausdruck geschrieben, der gleichwohl nicht verbalisierbar ist. Damit ist Ligeti zweierlei gelungen: „Nichts“ und gleichzeitig „Etwas“ zu sagen. Man kann diese Sprache weder in die menschliche Wörtersprache zurückübersetzen, denn es ist Musik; aber diese Musik ist in der Lage sehr viel Gehör und irgendwie auch „Mitgefühl“ erzeugen, ohne dass man genau zu sagen wüsste, was dieses „Etwas“ eigentlich ist.

Quelle: Programmhefttext für ein Konzert des philharmonischen Staatsorchesters Hamburg.

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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