Implodierter Humor – Einige Betrachtungen zur A·DEvantgarde

Über den Humor in neuer Musik zu reden, hat etwas Problematisches. Einerseits gilt neue Musik als Ort der Kritik, als Einspruch gegen das „Wie-es-ist“. Das zeigen die Kompositionen der Lachenmanns, der Nonos und Kurtágs, um nur einige Exponenten zu nennen. Doch diese neue Musik auf diesen Aspekt zu reduzieren hieße, ihr Wesen nur in kritischer Erkenntnis zu fundieren und ihr ihre Sinnlichkeit zu rauben. Wie jeder ästhetische Ernst, fordert er zu seiner Realisation ein Gegengewicht, das wie von selbst auch in diesen Stücken eingelagert ist.

Eine Standortbestimmung des musikalischen Humors hat man am vierten Abend beim fünften A·DEvantgardefestival in München, wahrscheinlich eher zufällig, unternommen. Andreas Hecks Stück „Lippenbekenntnisse – Miniaturen für Mundmusiker“ zitiert zahlreiche Werke der jüngeren neuen Musik in kurzen Ausschnitten und transformiert sie in Mundsprache. Eine Überschreitung zwischen der Popkultur (insbesondere der HipHop-Technik der „Human Beatbox“) und der Neuen Musik – jawohl, groß geschrieben – vermittels einer Reduktion auf wesentliche Züge und charakteristische Passagen. Das wirkte einerseits urkomisch, nicht zuletzt durch die humoristische Darbietung von Moritz Eggert, andererseits in hohem Maße ernst. Denn über die Verfremdung hinaus, weist es auf die reiche Substanz der zitierten Werke, die selbst in dieser Reduktion kenntlich bleibt. So ergibt sich quasi eine kontrastierende Stellung: eine Ernsthaftigkeit, die durch komische Elemente evoziert wird.

Dem gegenüber mochte die „Spelling Lesson“ für Glockenspiel, Stimme und Klavier von Markus Trunk problematisch und mißlungen wirken. Eine mit Megaphon ausgestattete Frau rezitierte Tonfolgen (etwa a-a-b), wiederholt vom Glockenspiel und damit in Noten übersetzt, gefolgt von einem kurzen Beispiel aus der Musik des 19. Jahrhunderts, welches diese Tonfolge beeinhaltet; pfiffig, nicht wahr? Das bleibt ein bloßes Spiel von Kennen und Wiedererkennen, welches bereits nach wenigen Folgen langweilig wird.

Humor kommt auf eine verdrehte Art dann wieder bei Markus Schmitts „Trois poésies de Meret Oppenheim“ und „nidere minne I (Tagelied)“ zustande. Eigentlich ganz subtil gearbeitete Stücke für kleines Ensemble mit Sopran, die feinstäderlich gehört sind. Aber durch die unorthodoxe Handhabung der Instrumente und die Nutzung von am Körper angebrachten Zusatzinstrumenten reichern sich die akustischen Ereignisse um optische Reize an. Das Vergnügen ist höchst sinnlicher Art und vermittelt sich darüber selbst. Schmitt findet auf diesem Weg zu einer wirklich eigenständigen Musiksprache, deren Plausibilität unmittelbar einleuchtet.

Die Gegenüberstellung der Stücke von Markus Trunk und Andreas Heck zeigt möglicherweise einen weiteren Aspekt modernen Komponierens. Es scheinen vor allem die Outsider dazu in der Lage zu sein, über die Absurditäten und die Gefühle der Musik nachzudenken. Ihnen ist das Metier fremd genug geblieben.

Damit langt eine so läppische Frage wie die nach dem Humor in der Musik bis in die Tiefen des Curriculums der Komponistenerziehung an den Konservatorien und Hochschulen – in der Tat essigsauren Gurkengläsern konservierenden Geschmacks.


Zuerst erschienen in nmz 1999/07.

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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