Jazz-CDs 2001: The Liberated Cello Duo bis Thomas Putensen

2001/01

The Liberated Cello Duo: This is Multi-Beat
Meta Records 002

Die zweite CD aus dem Stall des Erlangener Labels ist schon ein musikalischer Volltreffer. Zum Äußeren: Hier hat man sich einmal die Mühe gemacht, die CD als CD zu begreifen. Keine Verkleinerung der LP-Ästhetik mit den üblichen Skalierungsproblemen. Gestaltung und Verpackung habe ich so weder gesehen noch gefühlt. Und Fühlen ist angesagt auch bei der Musik: die geht nämlich unter die Haut, wie es wohl nur im Rahmen eines Duos geschehen kann. Muneer B. Fennell (Cello, Perkussion) und Ralf Altrieth (Saxophone) setzen die Reihe der großen Duo-Experimente fort. Duos erfordern eine immerwährende Präsenz der Einzelnen, selbst wenn sie gerade pausieren sollten. Das ist dem Liberated Cello Duo zweifellos gelungen. Sie sind präsent, wundervoll unroutiniert. Daraus ergibt sich das Spannungsfeld, welches von Motiven aus einer russischen Klavierschule bis in afrikanische Rhythmik hineinreicht, eine raue und vielschichtige Musik, die sich dem musikalischen Risiko unumwunden aussetzt – und gewinnt.

2001/05

Ernst Jandl/Peter Böving: Funk den Ernst
Showerrecords

Die Mode der gegenwärtigen Popliteratur schwappt bei dieser Platte ins ästhetische Nirgends. Mit Funk hat die Musik nichts zu tun, mit Jandls tiefgründig-heiter-depressiven Lyrik auch nicht. Da werden seine Texte eher mehr als weniger pastoral gebetet auf einem musikalischen Flickenteppich, der wie ein zerkocht bekömmliches Underground-Musizieren sich aufbläht. Das scheint alles doch zu schnell hingefuddelt und billig aufgesetzt. Ein bisschen verzerrte E-Gitarre, ein paar Schlagzeug-Breaks, Tassengeklingel: Toll, wie man da immer wieder von musikalischen Ideen überrascht wird. Das wirkt alles zu unehrlich und außerdem naiv. Man durchschaut die Machart und ist schnell enttäuscht. Nein, so einfach darf man es sich mit Jandl nicht machen.

Marilyn Crispell, Gary Peacock, Paul Motian: Amaryllis
ECM 1742 013400-2

Wieder ein Klaviertrio aus dem Musikerpool von ECM. Die meisten Stücke schreiten in langsamem Grundtempo durch ein relativ flexibles Harmonie- und Rhythmusgeflecht: tastend, behutsam und ernst. Nur selten findet man einen sicheren Halt beim Hören, so dass Langsamkeit und Beweglichkeit sich höchst kunstvoll durchdringen. Das Klavierspiel von Marilyn Crispell trägt nirgends dick auf, sondern ist in einem positiven Sinn leer. Dagegen steht dann Paul Motians hoch sublimes und eigensinniges Schlagzeugrauschen. Wie befruchtend diese Spielweisen sich durchdringen, merkt man besonders beim recht gradlinigen letzten Stück der Platte „Prayer“ von Mitchell Weiss. Das homophone Spiel von Crispell und Peacock wird kontrapunktiert durch Paul Motians Knapp-neben-der-Zeit-Liegen und dadurch stimmt’s dann. Diese Technik geht bei den komponierten Stücken besser auf als bei den improvisierten: Klanglich wirken die komponierten Stücke befreiter als die improvisierten.

Thierry Lang: Guide Me Home (piano solo), + Bonus CD
EMI 07243 5297222 7

Thierry Lang hat Freddie Mercury (den Lead-Sänger von Queen) als Quelle musikalischer Inspiration gefunden. „Guide Me Home“, „You Take My Breath Away“, „Bohemian Rhapsody“ oder „Love Of My Life“ hat Lang fürs Klavierspiel quasi neu erfunden. Da ist zweifellos nichts von der rauhen Schale der Originaltitel übrig geblieben. Lang reduziert das Material konsequent auf das Medium eines allein spielenden Pianisten. Dies gilt für fast alle Stücke dieser Platte, die außerdem eigene Kompositionen und Bearbeitungen von Stücken Mancinis, Brubecks, Kapers und Rogers’/Harts enthält. Spartanisch im musikalischen Satz, dessen Klangpoetik auf Claude Debussy und Eric Satie zurückweist, gibt es kaum noch dekoratives Umspielen und bloß gut in den Händen liegendes Gefummel. Diese CD ist ein unheroischer Abgesang, dessen Manko in der ausgezeichneten Aufnahmetechnik liegt. Zu schön, zu glatt, um wirklich glaubwürdig zu sein: sozusagen solipsistischer Snobismus.

2001/09

Thomas Putensen: Der Brief, Thomas Putensen
Haus am Windrad, 18519 Wendorf

Wenn man einmal einfach bei Musik wegdösen will, sich umschmeicheln lassen von melancholischen Klängen eines Klaviers, das sehr behutsam begleitet wird von einem dezenten Schlagzeug, dann wird man viel Genuss an dieser Platte haben. Dieser musikalische Brief aus dem hohen Norden des Ostens unserer Republik wirkt dabei vollkommen ungekünstelt oder aufgesetzt. Da haucht das Klavierspiel des Thomas Putensen in der Tat ganz groovy, wirkt leergefegt und klar. Mit minimalen Mitteln schlägt das Trio mit dem Saxophonisten Andy Wieczorek und dem Schlagzeuger Thorsten Adrian eine musikalische Landkarte sentimentaler Erinnerungen, die bisweilen auch das Komische streifen. Dazu gibt es ein wundervoll handgestricktes, schön kalligrafiertes Booklet. Das ist ganz sicher keine Musik für Jazz-Yuppies, sondern für welche, die sich gerne in eine stille Ecke zurückziehen und das Tempo herausnehmen wollen.

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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