Unverstellte Annäherung von vorn an unverbrauchte Musik – Ein Porträt des Leipziger Iturriaga Quartetts

Zusammengezählt sind sie gerade mal etwas mehr als hundert Jahre alt, die vier Streicher des Iturriaga Quartetts. Damit dürften sie gegenwärtig eines der jüngsten Quartett-Ensembles überhaupt sein. Zum Teil stecken sie sogar im Moment noch im Hochschulprüfungsstress. Seit 1996 spielen sie zusammen und haben sich in kurzer Zeit und trotz gleichzeitigem Studiums zum Quartett mit professionellem Anspruch verbunden – einen Anspruch, den sie auch einzulösen in Lage sind.

Die Gründung des Quartetts verdankt sich wohl dem Zufall, der die Streicher an der Leipziger Hochschule für Musik zusammenführte. Die aus dem Baskenland stammenden Aitzol und Iokine Iturriagagoitia (Violine) hatten schon vorher in Madrid , als sie dort an der Escuela Superior de Reina Sofia studierten, Quartett gespielt und wollten das gern in Leipzig fortsetzen, Rebekka Riedel (Violoncello) hatte auch schon mal Quartett gespielt und dann haben sie Katia Stodtmeier (Viola) gefunden, die aus Berlin kam und in Leipzig studieren wollte. Wenn man erst einmal so viel Freude am Quartettspiel hat, dann heißt das jedoch nicht zwangsläufig, dass man davon leben kann, oder dass man als Musiker auch zusammenpasst. Man wollte jedoch von Beginn an das Quartettspiel auf höchstem Niveau betreiben und es vor allem zu einem musikalischen Lebensmittelpunkt machen. So komisch es klingen mag, gerade die Doppelbelastung durch das Studium erhöhte den Wunsch, sich als Quartett und im Quartett zu engagieren.

Die vier Streicher des Iturriaga Quartetts

Die vier Streicher des Iturriaga Quartetts

Um sich heute als neues Quartett auf dem doch sehr breiten und im Wesentlichen hochqualitativen Markt zu behaupten, muss man allerdings nicht nur gut sein, sondern auch etwas Besonderes beisteuern. Das hat das Iturriaga Quartett geschafft. So widmet sich das Ensemble ganz besonders der Quartettliteratur von verfemten und vergessenen Komponisten des letzten Jahrhunderts. Zum Repertoire gehören da Werke aus der Feder von Philipp Jarnach, Berthold Goldschmidt, Günter Raphael, Ignace Strasfogel. Den Impuls für diesen einen Schwerpunkt der Quartettarbeit hat ihnen einer ihrer Mentoren, Kolja Lessing, gegeben. Das Iturriaga Quartett spielt diese Werke ganz frisch, gerade so, als wären sie erst vor kurzem komponiert worden. Dabei ist die Unbekanntheit der Werke gewiss ein großer Vorteil: Es gibt kaum eine Interpretationsgeschichte – man kann sich diesen Werken unverkrampft von ganz vorne nähern ohne jede historische-eingefahrene Verstellung. Das ist ein ungeheurer Vorzug, den man den Interpretationen des Quartetts auch anhören kann. Die wirken eigen, authentisch und sind voller musikalischer Energie, genauso unverbraucht wie viele der Werke, die sie spielen. Nach nur knapp vier Jahren der Quartett Arbeit während des Studiums haben sie 2000 schon beim Kammermusikwettbewerb der European Broadcasting Union einen ersten Preis gewonnen.

Mittlerweile reicht das Repertoire des Quartetts von Boccherini und Haydn über Schubert, Brahms, Reger und Bartok bis in die aktuelle Quartettliteratur eines Ulrich Leyendecker, Isang Yun oder Toshio Hosokawa. Aber es sind vor allem die Quartett-Raritäten aus den letzten dreihundert Jahren, denen sich das Iturriaga Quartett stellt. Darunter findet sich zum Beispiel genauso Musik des amerikanischen Komponisten George Chadwick oder von Ilse Fromm-Michaels. Mittlerweile haben auch schon einige Komponisten Werke für das Iturriaga Quartett verfasst: darunter Abel Ehrlich, Andrès Maupoint und Aristidis Strongylis.

Der Raritätenschatz, den das Quartett bereit hält, könnte aber gelegentlich auch zu einem Stolperstein werden. Nicht neu dürfte die Erkenntnis sein, dass Konzertveranstalter, mindestens was Programme angeht, nicht zu den risikoreichsten Wesen des Musiklebens gehören. Dafür dürfte der Konzertmacher-Markt jenseits dieses Veranstalter-Karpfenteiches umso dankbarer sein – und auf lange Sicht ist dieses implizite Bekenntnis zu selten gespielten Werken sowieso für dies Festigung des musikalischen Charakters des Iturriaga Quartett ein großer Vorteil. Im Jahr 2001 produzierte man beim Bayerischen und beim Mitteldeutschen Rundfunk Werke von Herbert Fromm, Joseph Haydn und Günter Raphael. Hinzu kommen Auftritte bei zahlreichen Festivals, wo das Quartett gelegentlich mit weiteren Musikern (Heinz Holliger, Martin Spangenberg, Ida Bieler, Maria Kliegel und Ulrich Knörzer) spielt und sich zu Quintett oder Sextett erweitert.

Gleichwohl lässt sich das Iturriaga Quartet nicht einfach in die Ecke eines musikalischen Paradiesvogel-Sammlers stellen. Genauso gewissenhaft studiert man die Zyklen der Streichquartette von Robert Schumann und Felix Mendelssohn-Bartholdy ein, wobei augenscheinlich selbst diese Quartette immer noch ein Schattendasein im Konzertrepertoire fristen.

Da fehlt doch noch etwas? In der Tat, will man das Iturriaga Quartett hören, so geht dies zur Zeit nur, wenn man ins Konzert geht, denn eine CD-Produktion haben sie noch nicht vorzuweisen. Dies soll sich aber noch dieses Jahr ändern. Auf diese Produktion darf man sich gespannt freuen.

Das Iturriaga Quartett läutet möglicherweise tatsächlich eine neue Generation von Streichquartetten ein: im Verständnis, wie sie sich selbst positionieren; in der Weise, wie sich ihr musikalisches Selbstbewusstsein und -verständnis bilden; in der Art, wie sie sich ein Leben als Quartett erfinden. Dabei haben sie indirekt auch von Vorreitern wie beispielsweise dem Vogler-Quartett profitiert, einem Quartett, das gleichermaßen in der aktuellen Musikszene ebenso beheimatet ist wie in der traditionellen Quartettwelt. Aber man muss auch diese Chance, als Quartett in dieser Zeit zu bestehen, wittern können. Das Iturriaga Quartett wird sicher bald noch deutlicher zu vernehmen sein und man darf schon jetzt dankbar sein für alle Schätze, die dieses Quartett noch heben wird.

Zuerst erschienen in: 2/2003 – 52. Jahrgang

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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