Jugendwahn beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Was haben wir an dieser Stelle schon heftig die Existenzberechtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks durchbuchstabiert: Wir klärten schlüssig, dass er die Legitimation für den Gebührenempfang maßgeblich seinem Kulturauftrag entnimmt. Dass die Pflege von Minderheiten-Interessen und eine umfassende Informations-Pflicht zu seinen Kernaufgaben gehören.

Gelegentliche Zweifel an „Zwangs-Gebühren“ generierten die Landes-Sender selbst: MDR, NDR, RBB und HR durch plump quotenspekulatives Schreddern ihrer Kulturkompetenz, durch bisweilen gnadenlose Programm-Trivialisierung. Der SWR noch unter seinem Finanz-Oberinspektor Peter Voß außerdem mittels Teil-Demontage seiner Klangkörper. Zärtlich warnten wir: „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk schafft sich selbst ab.“

Grotzky hat die Jugend im Visier. Foto: Hufner

Grotzky hat die Jugend im Visier. Foto: Hufner

Weitgehend ausgespart von der Kritik blieben WDR und BR, die trotz gelegentlicher Schwindelanfälle in den Intendanz- und Direktionsetagen dank respektabel gepflegter Kulturwellen wenigstens ihr Soll erfüllten. Zumindest in Bayern könnte damit bald Schluss sein: Auf Quotenhatz nach Hörer-Frischfleisch neigt Hörfunkdirektor Johannes Grotzky anscheinend dazu, die Klassik-Welle Bayern 4 (immerhin 170.000 Nutzer täglich) ins technisch unausgereifte digitale Nirvana zu verbannen, um die terrestrischen UKW-Frequenzen einer sogenannten „jungen Welle“ zuzuschustern. Seine mediale Schrotflinte richtet er auf die 14- bis 29-Jährigen.

Welch ein Kurzschluss. Hätte Grotzky selbst mal als aufmerksamer Zuhörer die diesjährigen Münchner Medientage besucht, wären ihm solche möchtegern-populistischen Hirn-Flatuleszenzen geräuschlos entwichen. Die Veränderung des Rundfunkhörer-Verhaltens gestaltet sich dank Internet, Podcast und User-generiertem Content im Web dramatisch. Die als Zielgruppe angepeilten „Kids“ sind für den konventionellen Funk weitgehend verloren. Sie surfen, chatten, loaden up und down. Dies belegen die Einschalt-Analysen aller Jugendwellen lückenlos. So dümpelt im Südwesten „Das Ding“ bei 1,4 Prozent, der hippe Sender „Fritz“ schwand binnen Jahresfrist von 7 auf gut 5 Prozent Einschaltquote. Öffentlich-rechtliche Mainstream-Wellen wie RadioEins vom RBB, Eins Live (WDR) sowie die immer ähnlicher klingenden Ausstrahlungen von Bayern 1 und Bayern 3 verlieren kontinuierlich an Zuspruch, die Altersstruktur der „User“ wandert vom „Twen“ ins „Mid-Age“.

Das Jugendradio gehört genuin ins Web

Wohlgemerkt: Wir hätten gar nichts gegen ein Jugendradio, wenn es denn, siehe oben, einen Sinn ergäbe und nicht gegen die bescheidenen Kulturreservate im öffentlich-rechtlichen System ausgespielt würde. Das Jugendradio gehört genuin ins Web. So bekäme – durch eigenständige redaktionelle Kompetenz – das Internet-Angebot unserer Rundfunkanstalten eine glaubwürdige Legitimation: Es könnte sich vom meist flachen Selfmade-Schrott der Blogs und dem Marketing-Geflacker der Industrie-Podcaster und Download-Plattformen qualitätvoll abheben. Somit würde vielleicht sogar einer Kommunikations-Degeneration entgegengewirkt, die an den Umgang in antiautoritären Kindergärten vor dreißig Jahren erinnert. Und: Zwei hochfinanzierte, zudem auch noch werbegefütterte Berieselungswellen pro Landessender sind im öffentlich-rechtlichen Hörfunk genug. Sollte in diesem akustischen Flachbett überhaupt Differenzierung möglich sein, wäre hier größeres Redakteurs-Engagement angebracht. Gegen die Verbannung der Klassik-Frequenzen in die reale Unhörbarkeit ist jedenfalls Sturm zu laufen. Zumal gemeinsam mit Bayern 4 Klassik auch die renommierten Klangkörper des Bayerischen Rundfunks ins Abseits zu geraten drohen.

Bei seiner Generalversammlung hat sich der Deutsche Musikrat soeben energisch gegen solche Banausen-Planungen gewandt, der Bayerische Musikrat stellte ein Unterschrifts-Formular auf seine Website, das ausgedruckt werden kann. Besuchen Sie bitte: www.bayerischer-musikrat.de – und machen Sie von Ihrem Recht Gebrauch, gegen weitere Verblödungs- und Verödungs-Tendenzen hierzulande Ihre Stimme zu erheben.

Da wird lauthals über Bildungsnotstand, Landes-Flucht und Unterschicht-Problematik gejammert – und die wenigen kleinen Korrekturinstrumente sollen dann auch noch blindwütigen Ökonomie- und Quotenfetischisten zum Opfer fallen. Es ist zum – Davonlaufen.

Zuerst erschienen in nmz: Ausgabe 11/2006 – 55. Jahrgang

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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