Auf der Suche nach einer tragfähigen Zukunft – Ein Gespräch mit Errico Fresis zur Lage der (Musik-)Kultur in Griechenland

Errico Fresis ist Dirigent und Dekan der Fakultät Darstellende Kunst der Universität der Künste Berlin. Obwohl er schon lange Zeit in Deutschland lebt, verfolgt er die Entwicklungen seines Heimatlandes mit Empathie und Engagement. Martin Hufner hat ihn über Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Landes am Rande des Bankrotts befragt.

neue musikzeitung: Griechenland hat eine bewegte geschichtliche Vergangenheit, gerade auch im letzten Jahrhundert: von der Diktatur zur Demokratie und zur Eingliederung in die EU. Wie würden Sie diese Entwicklung zusammenfassen?

Errico Fresis: Rund 400 Jahre vor der Gründung des Staates (1828) passierte kulturell nichts, was einen Zusammenhang mit den anderen europäischen Ländern hätte. Auch nach der Befreiung vom osmanischen Reich blieb das Land in enormen Abhängigkeitsverhältnissen: Mit der Londoner Konferenz von 1832 erklärten die Großmächte Russland, Großbritannien und Frankreich das Land zum Königreich mit dem bayerischen Prinzen Otto von Wittelsbach als König – bis 1973 blieb das Land ein Königreich. Nach einem Staatsbankrott wurde die griechische Ökonomie von 1897 bis 1978 (!) von der Internationalen Finanzkommission kontrolliert und gelenkt, die aus Vertretern der bereits genannten Großmächte, dazu Deutschlands, Italiens und Österreich-Ungarns bestand. Griechenland trat im Jahr 1981 der EU bei; was dies historisch für das Land bedeutet hat, kann hier gewiss nicht ohne Polemik festgehalten werden, aber es wäre doch noch zu unvollständig.

Errico Fresis. Foto: Hufner

Errico Fresis. Foto: Hufne

nmz: Welche Tendenzen sind in der Musikkultur seit den 1970er-Jahren festzustellen? Welche Komponisten spielten dabei eine Rolle?

Fresis: In den 70er-Jahren gab es nach wie vor keine musikalische Hochschulausbildung; dafür sorgten Konservatorien von zweifelhafter Qualität für eine stark reaktionäre Ausbildung auf der Basis von veralteten französischen Systemen. Der erste griechische atonale und Zwölfton-Komponist war bereits 10 Jahre tot: Dimitri Mitropoulos. Aus Griechenland wegintrigiert, gelang ihm als Dirigent eine internationale Karriere höchsten Ranges. Rund zehn Jahre früher starb sein Komponistenkollege Nikos Skalkottas, Schüler von Schönberg, Weill und Jarnach; aus Angst vor der reaktionären Musikumwelt und in Armut lebend, gab er nicht preis, dass er nach seiner Rückkehr aus Berlin (1934) weiterkomponierte. Gleich zu Beginn des Jahres 1970 starb Jani Christou bei einem Autounfall, einer der interessantesten Komponisten. Sein Werk ist heute nur noch in kleineren Kreisen bekannt. Iannis Xenakis lebte in Frankreich, um dort zu einem der bedeutendsten Komponisten seines Jahrhunderts zu werden. Georges Aperghis etablierte sich dort als einer der wichtigen Musiktheaterkomponisten.

nmz: Und heute?

Fresis: Es gibt viele Komponisten internationalen Ranges, besonders erfreulich auch eine aktive, pluralistische und international anerkannte junge Generation von Komponistinnen und Komponisten, die mit den wie üblich konkurrierenden Strömungen und damit verbundenen Gruppenbildungen zu kämpfen haben. Und es gibt Orches­ter, die einer internationalen Konkurrenz mit der oberen – wenn auch nicht obersten – Liga standhalten können, hervorragende Ensembles für Neue Musik und vor allem eine Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem zeitgenössischen Schaffen. Die Athener Nationaloper bekommt erst in naher Zukunft ein Opernhaus, das diesen Namen verdient – allerdings außerhalb der Stadt und mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwer erreichbar. Die 1997 gegründete Oper in Thessaloniki ist dank ihrer letzten Leitung klinisch tot und ohne Hoffnung auf Erwachen. Ein projektbezogenes Orchester übernimmt die Aufgabe des staatlichen Rundfunkorchesters – allerdings mit großem Potenzial.

nmz: War Griechenland und EU in der Kultur bis 2010 eher eine Erfolgsgeschichte?

Fresis: Das kann man verneinen. Selbst ohne genaue Daten zu kennen, ist sicher, dass man keinesfalls von einer Erfolgsgeschichte sprechen könnte.

nmz: Wie hat sich das alles verändert seit 2010? Welche Folgen hat die Staatsüberschuldung für die Musikszene gehabt?

Fresis: Seit 2010 hat sich die Situation dramatisch verändert. Die Maßnahmen der Gläubiger („Troika“) und der katastrophale Umgang der gesamten EU (auch Griechenlands) haben dazu geführt, dass die Überschuldung innerhalb von vier Jahren um 50 Prozent gewachsen ist, die Wirtschaft zerschlagen wurde, das Sozial- und Gesundheitswesen brachliegt. Die seitens EU-Verantwortlichen zugegebenen Fehler haben keine Konsequenzen gehabt. Die neue griechische Regierung genießt eine große Unterstützung des Volkes; da sie aber von extrem hohen bis unrealistischen Erwartungen belastet wird, ist diese Unterstützung sehr labil. Ein Versagen könnte katastrophale Folgen haben.

nmz: Welche Konsequenzen hatte das für bestehende musikkulturelle Strukturen und wie hat sich die soziale und künstlerische Lage verändert?

Fresis: Der Einfluss auf kulturelle Strukturen ist enorm. Orchester mussten schließen oder umfunktioniert werden, mit beschämenden Budgets auskommen, Besetzungen reduzieren und auf kostspieliges Repertoire verzichten. Das einzige (und gewiss nicht unproblematische) Rundfunkorches­ter des Landes wurde gemeinsam mit dem staatlichen Rundfunk und Fernsehen in einem Akt von Staatsterror geschlossen.

nmz: Mit der Neuwahl 2015 ist jetzt ein eigenartiges Links-Rechts-Bündnis an der Regierung. Wie wird deren Arbeit in der Musikkultur Griechenlands wahrgenommen? Welche Konsequenzen hat das konkret gezeitigt? Wird die soziale Lage eher besser oder schlechter?

Fresis: Nach Jahrzehnten mit missglückten und korrupten Regierungen einzelner Parteien – genauer: Oligarchien – musste nun ein Volksbündnis ran, das alle relevanten Kräfte einbezieht und in Mitverantwortung zieht.Die Regierung übernimmt einen chaotischen, uneffektiven Staatsapparat der aus den Günstlingen der zwei großen Parteien der Vergangenheit besteht. Der aktuelle Minister für Kultur, Erziehung und Religionen ist ein anerkannter Professor für Wissenschaftstheorie der TU Athen, der stellvertretende Kulturminister ein Kunsthistoriker, Kulturjournalist und Schriftsteller. Die Arbeit im Bereich der Musikkultur hat erst begonnen und außer der bereits vorhandenen Misere gibt es wenig Konkretes festzustellen. Ich hoffe, dass Kultur nicht als „elitär“ abgetan wird, um „volksnähere“ (also populistische) Varianten zu unterstützen. In Puncto Soziallage bin ich realistisch, also pessimistisch: es wird unausweichlich schlimmer. Das Land wird ausgeplündert, da ihm niemand eine Chance geben will, die Ressourcen zu schaffen, um die Zahlungsfähigkeit herzustellen. Das ist Fakt, nicht Meinung.

nmz: Gibt es Abwanderungsbewegungen?

Fresis: Es gab Auswanderungswellen, die ins Leere führten. Die Mehrheit der Auswanderer musste im wahrsten Sinne des Wortes „ent-täuscht“ zurückkehren. Es ist nicht neu, dass Spitzenkräfte sich im Ausland besser aufgehoben fühlen. Auch kulturelle Gründe, das Land zu verlassen gab es immer; vor einiger Zeit las ich wieder – nicht ohne zu erbleichen – die „Sechs Nächte unter der Akropolis“ des Nobelpreisträgers Yorgos Seferis aus dem Jahr 1927. Es hat sich wenig geändert. Aber viele sind mit dem Land innerlich so verbunden, dass sie nicht auswandern wollen. Man kann auch in vielen anderen EU-Ländern nicht gerade von einem kulturellen Aufblühen berichten. Ein interessantes Phänomen ist die engagierte subkulturelle, ja subversive kreative Energie zahlreicher junger Künstler/-innen und Wissenschaftler/-innen aus der Mitte der etablierten Institutionen heraus, die ein Potenzial der Erneuerung entfalten und hoffnungsgebend sind.

nmz: Gibt es in Griechenland musikkulturelle Institutionen, die erheblich in ihrer Existenz bedroht sind? Wenn ja, was wird dagegen unternommen, wie mobil und engagiert ist die griechische Bürgergesellschaft?

Fresis: Die griechische Bürgergesellschaft ist seit Jahrzehnten durch einen falsch verstandenen „Kult des Populären“ korrumpiert und verdummt. Das vorhandene Positive im Kulturschaffen der Gesellschaft kann man nicht der Bürgergesellschaft zuschreiben. Auch bei uns ist die Bürgergesellschaft durch die immer stärker auseinanderklaffende finanzielle und soziale Schere geschlagen. Wie aktiv sind denn wir hier, wenn es um absurde Fusionierungen geht (siehe die Rundfunkorchester in Baden-Württemberg, einem nicht gerade armen Land!) oder um die Hungerlöhne in den Theater- und Opernensembles? Wenig, sehr wenig, viel zu wenig!

Errico Fresis. Foto: Hufner

Errico Fresis. Foto: Hufner

nmz: Welche Folgen würden Ihrer Meinung nach für das Kulturleben durch einen möglichen Staatsbankrott entstehen – positive und negative? In den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ hat der Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel vermutet, dass ein Ausstieg Griechenlands aus dem Euro zu einer Entdemokratisierung und Radikalisierung der Politik und Gesellschaft führen könnte.

Fresis: Kultur wird es immer geben, da sie eine menschliche Notwendigkeit ist. Die Frage ist nur, wie man zur Kultur stehen will. Was ein Ausstieg aus dem Euro bedeuten könnte, bleibt Spekulation. Die Vermutungen des geschätzten Rudolf Hickel betrachte ich nicht nur als realistisch, sondern als fast zu optimistisch.

nmz: Was würden Sie sich wünschen für die Zukunft Griechenlands? Sowohl in ökonomischer, politischer und kultureller Hinsicht?

Fresis: Es muss klar gesagt werden, dass, zum ersten Mal nach vielen Jahren, die neue Regierung in Griechenland nicht als Feind des Volkes betrachtet wird. Es gibt beste Voraussetzungen für eine positive Entwicklung und es wird alles, was nur möglich ist, getan, um diese zu zerstören. Die mediale Propaganda im Ausland – auch bei uns – war bereits vor den Wahlen skandalös populistisch und klar antidemokratisch.

Ich wünsche uns, dass alle EU-Länder (und dazu gehört auch Griechenland) die Chance wahrnehmen, ihre Werte zu überprüfen, Prozesse zu hinterfragen und ihre Identität innerhalb einer „Europäischen Union“ wiederfinden – denn von einer „Union“ kann man heute gewiss nicht sprechen. Griechenland wünsche ich nach so vielen Jahren Abhängigkeit und Fremdbestimmung, schnell zu lernen, was Freiheit bedeutet und welche große Verantwortung für jedes einzelne Individuum darin liegt. Und vieles, vieles mehr, wofür hier leider der Platz fehlt …

Zuerst erschienen in nmz 5/2015 – 64. Jahrgang

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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