Cluster: Konkurrenzis belebt

Wir erinnern uns an einen offenen Brief von 160 Dirigentinnen und Dirigenten wegen der Zwangsfusionierung der SWR-Orchester: „Kein Dirigent – und damit ausdrücklich auch keiner der Unterzeichnenden – wird in der Lage sein, auf absehbare Zeit aus den zwangsfusionierten Musikern einen Klangkörper zu formen, dessen Rang mit dem der beiden mutwillig zerstörten, traditionsreichen Sinfonieorchester auch nur im Entferntesten konkurrieren könnte.“ Keiner, außer vielleicht einer: Teodor Currentzis nämlich.

Der hat seinen Friedrich-Wilhelm zwar auch unter den offenen Brief aus dem Jahr 2013 gesetzt, doch entweder sieht er es nun als Irrtum an oder als Herausforderung – oder als beides. Gegenüber dem damaligen und immer noch amtierenden Intendanten Peter Boudgoust schlug man harte Worte an: „Die Umsetzung der Fusion mag Ihnen auf dem Papier, als reiner Verwaltungsakt betrachtet, durchführbar und mithin möglich erscheinen, unter musikalisch-künstlerischen Gesichtspunkten vertretbar aber ist sie nicht.“

Einer der 160 Dirigentinnen und Dirigenten hat nun eben doch Mitleid oder Einsicht – oder keines von beidem und opfert sich, den Verwaltungsakt musikalisch aufzufangen, eben der Teodor Currentzis. Ihm eilt ja das Prädikat eines enfant terrible voraus, was die Sache von Seiten der SWR-Führung nachvollziehbar macht und den Marketing-Clou als „Ablenkungsmanöver“ erscheinen lässt, wie es Ralf Döring in der Neuen Osnabrücker Zeitung analysiert. Moral hin, Moral her: der präventive Abmahnungsvermerk ist aus der Akte sicher getilgt und man soll nicht so sehr in der Vergangenheit herumrühren, sondern sich der Gegenwart zuwenden. Dem Dirigenten als edlem Samariter und Opportunisten gehört die Zukunft. Jedenfalls solange, bis er durch den nächsten Verwaltungsakt defusioniert wird.

Zuerst erschienen in nmz 5/2017 – 66. Jahrgang

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Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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