Nachschlag: Design & Bewusstsein

Der Besuch eines Konzertes kann ein Erlebnis sein, er kann auch Raum für Erfahrungen sein. Im besten Fall ist er beides. Im schlechtesten Fall ist er ein reines Event mit Klangbeteiligung bei Gästeanwesenheit. Nicht immer kann man das alles genau auseinanderhalten.

Erste Szene: Ein Hotel in Berlin Mitte, Dienstag abends. Der Komponist Mark Barden und das Solistenensemble Kaleidoskop ersetzen die ursprüngliche Hotelbar-Musikatmosphäre durch Musikgetröpfel traditioneller Musik bei extremer Verlangsamung. Stationäres und durchlaufendes Publikum sind gemischt. Der Charakter des „Konzerts“ schwankt zwischen Störung und akustischer Unterordnung – funktional-künstlerische Musik.

Zweite Szene: Ein Konzert im Heimathafen der Avantgarde bei den Ferien­kursen für Neue Musik Darmstadt. Standard-Setting: Auf der Bühne die Musikerinnen, unten in Reihen streng seriell die Zuhörerinnen sitzend. Gespielt wird posthindemithsche Musik, die wortreich (v)erklärt wird. Die Sperrspitze der musikalischen Zukunftsforschung übt sich in Traditionalismus. Das Publikum besteht aus Kennerinnen, freiwillig verirrt sich hier niemand ­hinein.

Dritte Szene: Musikbiennale München, man darf sich in eine Badewanne setzen und bekommt irgendwas mit Musik vorgesetzt. Experimentelles Musiktheater nennt sich das.

Drei Szenen, die sich beliebig ergänzen ließen. Zur Selbstverständlichkeit ist geworden, dass an Konzerten nichts mehr selbstverständlich ist, sagt daher auch die Konzertforschung, neudeutsch „Concert Studies“. Mit den Mitteln des Konzertdesigns wird da schon mal der Versuch unternommen, die Sachen aufs richtige Gleis zu setzen, denn dem Konzert gehe es angeblich nicht gut. Konzertdesigner Folkert Uhde diagnostiziert im jüngst erschienen Buch „Das Konzert“ (2018): „Das klassische Konzert braucht Veränderung, weil es ein neues Publikum braucht. … Der Patient lebt, aber besonders attraktiv ist das für viele nicht mehr.“ Aber wie viele Viele ist „viele“ wirklich? Und: Geht man wegen des Konzerts ins Konzert oder wegen des musikalischen Konzert-inhalts? Falls nicht, warum könnte man dann bei einem Konzert nicht gleich auf Musik verzichten? Hauptsache „Performance“!

Daniel M. Feige schreibt in seiner philosophischen Analyse des Designs (2018) am Rande auch zu diesem Thema: „Gehört der Aufführungsort einer Symphonie von Beethoven üblicherweise nicht selbst zum Werk, so gehört er bei den meisten Performances dazu. Mehr noch: Performances sind üblicherweise gar nichts anderes als das, was sich in einem bestimmten Zeitraum vor bestimmten Zuschauern beziehungsweise mit bestimmten Teilnehmern an einem bestimmten Ort ereignet.“ Sie werden zum Event. Die Hoffnung, mit Konzertdesign und neuen Konzertformaten ein neues Publikum zu erreichen, und zwar nachhaltig, dürfte damit schon immanent seine Grenzen gefunden haben.

Wie wichtig Traditionen und Konventionen sind, lässt sich an der geschichtlichen Entwicklung von Sprachen verdeutlichen. Konventionen, Rituale haben gegenüber Designs oder Events ja vor allem den grundsätzlichen Vorteil, von bestimmten Anforderungen zu entlasten – man muss, übertragen auf die Sprache, nicht Syntax, Orthographie und Grammatik permanent neu lernen und nacherfinden. Auf dieser Basis kann sich dann zweifellos der eigene Zugang zur Sprache (oder Musik) ereignen. Das spricht nicht gegen die Entwicklung neuer Konzertformate oder Konzertdesigns. Aber sehr zu bezweifeln dürfte sein, dass das „neue“ Publikum, das Folkert Uhde im RADIALSYSTEM V in Berlin anzieht, genügen wird, seinen Patienten wieder gesunden zu lassen. Statt Erweiterung kommt es zu einer situationsgebundenen Verengung auf die Sicht von Musikdarbietungen.

Music for Hotel Bars – zwischen Gesamtkunstwerk und Muzak. Foto: Hufner

Music for Hotel Bars – zwischen Gesamtkunstwerk und Muzak. Foto: Hufner

Das Publikum lässt sich nicht überreden, es lässt sich nicht überrumpeln, es merkt, wenn man es verschaukeln will. Es lässt sich aber überzeugen, wenn man es ihm gestattet, seine Erfahrungen selbst zu machen. Man braucht ganz gewiss keine Helikopter-Eltern-ähnlichen Designs, keine falschen Finten vermittels Reduktion aufs das scheinbar pfiffig Verpackte. Denn das grenzt an Populismus und Propaganda. Damit fängt man sein Publikum und vor allem sein gesuchtes „neues“ jedoch nur scheinbar. Design schafft kein Bewusstsein. Bewusst Sein, schafft Bewusstsein.

Seltsamerweise ist der größte Teil der Musikveranstaltungen im „alten Stil“ vollkommen gewöhnlich: Popkonzerte, Rockkonzerte, Jazzkonzerte, Opern­darbietungen und die üblichen symphonischen, kammermusikalischen Konzerte, Clubveranstaltungen, Open-Airs. Beharrlich, nur leicht sich ändernd, folgen sie seit teilweise mehreren Jahrhunderten gleichen Mustern. Eigentlich eine Erfolgsgeschichte, sollte man meinen, denn es hat ja auch funktioniert. Und heute? Kein Grund zur Sorge: Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung, erkennt seit einiger Zeit so etwas wie eine „Trendwende Klassik“. Heute funktioniert es ebenso, sogar vielleicht besser als früher, weil die Musiker und Musikerinnen, die Musikvermittlerinnen und -vermittler, die Dramaturginnen und Dramaturgen, wenn sie wissen, was sie machen, das scheinbar tote Konzert- und Musikmaterial stets erneuern. Alte Musik altert nämlich nicht, weil sie auch heute noch zu neuen Erfahrungen beitragen kann.


Zuerst erschienen in: 7/2018 – 67. Jahrgang

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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