„,Atonale‘ Musik für alle“ – Musikalische Aktion in Berlin, paradox

Im Prinzip ist die Sache ganz einfach. Vor einiger Zeit kündigte die Deutsche Bahn an, mittels Musikeinsatzes für einen geräumten Platz an der S-Bahn-Station Hermannstraße in Berlin sorgen zu wollen. Obdachlose und Junkies stören das Bild einer sicheren und sauberen Stadt, so die Begründung. An eine Art Vergrämungsmusik war dabei gedacht. Bisherige musikalische Versuche in mit dieser Arbeitsvorgabe (zum Beispiel mit sogenannter „Klassischer Musik“) haben sich als nicht wirkungsvoll erwiesen. Jetzt sollte „atonale Musik“ zum Einsatz kommen. Das rief zahlreiche Reaktionen hervor. Denn so etwas geht nicht.

Musik gilt weithin als völkerverständigendes Medium. Musik macht angeblich klug. Der Musik werden viele positive Eigenschaften zugesprochen. Warum also sollte ausgerechnet Musik nun dazu geeignet sein, Menschen zu vertreiben? Die Sache ist eben doch nicht so einfach. Und eigentlich dann wieder doch.

Obdachlosigkeit – Emanzipation

Müsste man sich nicht grundsätzlich darüber freuen, wenn auch „,atonale Musik‘“ im öffentlichen Raum gespielt wird? Da stellen sich sogleich Fragen auf wie die Rest-Nackenhaare. Das beginnt beim Begriff und der Verwendung des Begriffs der „atonalen“ Musik. Gemeint hat die Deutsche Bahn sicher eben nicht Musik aus jener musikhistorische Phase, in der sich die okzidentale Musik von der Herrschaft einer tonalen Grundlage verabschiedet hatte und die „Emanzipation der Dissonanz“ theoretisch und praktisch erörterte. Also eine Phase, in der Musik nach einer Befreiung von Konventionen suchte und gewissermaßen tabula rasa zu machen versuchte mit allen musikalischen Vorbedingungen in Form, Gestalt und Klang – wenn man so will, aus der Erfahrung einer „transzendentalen Obdachlosigkeit“ (Georg Lukács in der „Theorie des Romans“) hervortretend. Der Begriff der „atonalen“ Musik steht bei der Bahn eher für eine Musik, die zum Weglaufen anregen soll, einer Musik, die nicht die Hörenden bindet. Also eine Art U-Musik, unerträgliche Musik, Schallmüll.

Gegen diese Vereinnahmung und Instrumentalisierung von Musik wehrte man sich. Der Deutsche Musikrat spricht in diesem Zusammenhang von einem Einsatz als „Kampfbeschallung“. Und das geht eben nicht. Die Abwehr ist gerechtfertigt. Das hat es auch die Initiative Neue Musik Berlin (INM) gesehen, die im kommenden September mit einem Monat der zeitgenössischen Musik in Berlin aufwartet.

„Atonale Musik für alle“

Die INM organisierte kurzerhand eine Veranstaltung vor Ort unter dem Motto „Atonale Musik für alle“ und sie versuchte dabei diejenigen mit ins Boot zu holen, die dort vor Ort nicht erwünscht seien. Getränke und Essen wurde ebenso mitgebracht, um diesen Ort zu einem besseren Ort zu machen. Musik wurde mitgebracht, das heißt live aufgeführt, um den klanglichen, politischen und sozialen Wert „Neuer Musik“ zu bestätigen. Weggelaufen ist da am Freitag abend zwischen 19 und 21 Uhr niemand. Es sind viele Schau- und Hörlustige gekommen, um die Angelegenheit mitzuerleben, ein Teil davon zu werden. Einzelmusikerinnen und Ensembles musizierten Musik von Julius Eastman (Sirje Aleksandra Viise) über improvisierte Musik (unter anderem Ruth Velten) bis zu Salvatore Sciarrino (Erik Drescher an einer Glissandoflöte). Beobachter sprachen von ca. 300 Besuchern.

Produktion von sozialen Konflikten

So weit, so gut. Aber es ist nicht ganz so einfach. Am Rande der Aktion hatte sich eine Person mit einer Pappe aufgestellt. Auf der stand: „Wir ham hier Spaß – Wohnungslose bald keinen Schlafplatz mehr! #Empörung statt Party-Protest !! !“ Von Seiten derjenigen, mit den man sich solidarisieren wollte, wurde die Aktion – wenigstens in Teilen – als Party-Protest aufgefasst. Das schmerzt. Und es unterschlägt die Tatsache, dass man eben auch mit der Aktion auf nichts anderes als diesen Missstand hinweisen wollte. Dass nämlich Vertreibung droht. Mit Musik soll dies passieren. Genau deshalb wehrte sich die Initiative Neue Musik. Andererseits waren zum Zeitpunkt der Veranstaltung – jedenfalls von mir aus – keine Personen zu erkennen und zugegen, um die es eigentlich ging.

Unort S-Bahnhof Hermannstraße

Die Taktik freilich, einen sozialen Konflikt zu konstruieren, der ging durchaus von den Verantwortlichen bei der Bahn aus. Die haben ja weder eine Unterstützung der Neuen-Musik-Szene im Sinn gehabt, sie haben aber auch nicht im Sinn gehabt, den Platz am S-Bahnhof Hermannstraße in einen akzeptablen Ort umzuwandeln. Der Ort dort ist alles andere als heimelig. Verlassene Gebäude stehen da, bei denen man bloß nicht auf die Idee kommen möge, dort Fahrräder abzustellen. Hinter den mittlerweilen halbblinden Glasscheiben und hinter Metallgittern haben es sich dagegen Stadttauben eingerichtet, die auf alten Heizkörpern sitzen. Es riecht nach Urin. Es ist ein Platz, an dem man sich, ob mit oder ohne Musik nicht dauerhaft aufhalten möchte. Die ganze Station mit den Fußgängertunneln zur gleichnamigen U-Bahn-Haltestelle strahlt eine auch bauliche Kälte und Bruchbüdigkeit aus. Die Umgebung mit ihren teils aufgegebenen Geschäften und typischen Billigkram-Läden, die stark befahrende mehrspurige Straße über die S-Bahngleise, diese Melange aus allem wirkt auf den nur temporär dort sich Aufhaltenden alles andere als herzlich oder lieblich oder freundlich.

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Ein Mitbürger sprach mich darauf an, ob ich zu Presse gehöre und wies mich dann daraufhin, dass die Zustände vor Ort mies seien, dass er sich wünsche, man würde spätestens um acht Uhr die Gehsteige hochklappen, es sei hier laut und überall drumherum wohnten doch Menschen, die einer Arbeit nachgingen, weswegen sie Ruhe brauchten. Der Platz braucht nicht Musik, der Platz brauche Ruhe. Auf den Hinweis, dass er doch dann auch die laute Straße sperren müsse, reagierte er mit Achselzucken und verabschiedete sich mit dem offenbar bedeutsamen Hinweis, dass er ein germanischer Kurde sei.

Probleme lassen sich nicht fortblasen

Es ist klar: Mit ein bisschen Musik lassen sich die Probleme nicht fortblasen. Weder in der einen noch in der anderen Richtung. Die Unruhe und Unwirtlichkeit des Ortes selbst ist problematisch. Doch statt in dieser Richtung sich nach vorne zu bewegen und Urbanität mit sozialer Wärme zu koppeln, probiert man es mit Symptomverschiebungen und den daraus offenbar auch entstehenden sozialen Konflikten einer weiteren Entsolidarisierung.

Die Aktion der Initiative Neue Musik ist durchaus zu begrüßen. Überhaupt sind alle Aktionen zu begrüßen, bei denen sich Solidarität entwickeln ließe. Und selbstverständlich ist dabei auch der punktuelle Anfang nicht zu klein zu werten. Für eine nachhaltige Veränderung jedoch wären mehrere Positionen zu berücksichtigen.

Angeblich kam es am Rande der Veranstaltung zu einem Gespräch eines Bahnmanagers mit Lisa Benjes von der INM Berlin. Darin sagte der Manager zu, von seiner ursprünglichen Idee Abstand zu nehmen. So endet alles in einem Paradoxon: „Atonale Musik für alle“ ist damit gescheitert.


Zuerst erschienen auf nmz.de am 26.8.2018.

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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