Das Normale ist das Extreme – und umgekehrt: Das Jazzfest Berlin erstmals unter der Leitung von Nadin Deventer

Drei Jahre lang darf beim Berliner Jazzfest eine Person das Programm festlegen. Steter Wandel der Perspektiven auf die Welt des Jazz im Rahmen einer bestehenden Vereinbarung ist also garantiert. Auch wenn sich die Gesamtheit der Jazzwelt eher langsam bewegt. Nach drei Jahren mit Richard Williams trat nun Nadin Deventer das Erbe an und drückte dem Fes­tival ihren Stempel auf, soweit die Farbe des Stempelkissens reicht. Im Vorfeld gab es freilich ebenso Wirbel um die Personalie, wie auch in der Publizistik während und nach dem Jazzfest Berlin. Völlig unnötigerweise, denn die Musik machen immer noch die Musiker und Musikerinnen auf den Bühnen.

Und die haben mal mehr, mal weniger zu sagen, haben gute oder schlechte Tage, da kann die Zirkusdirektorin eines solchen Festivals machen, was sie will.

Apropos Zirkus: Während Richard Williams das vier Tage andauernde Festival in seiner Zeit immer mehr zeitlich und räumlich erweitert hatte, startete Nadin Deventer nun mit einem „Haus Of Jazz“. Das Publikum durfte durch die Räumlichkeiten des Hauses der Berliner Festspiele wandern, zwischen Kassenhalle und Sub-Bühne sich bewegen, auf der Seitenbühne oder dem Foyer so lange lauschen, wie es gerade Gefallen daran fand, eingerahmt von zwei großen Konzerten auf der Hauptbühne – mit Manifest und Echtzeitimprovisationen. Prinzipiell eine schöne Idee –da hängt die Hörverantwortung schon bei einem selbst: Zappen (und in Allinclusive-Manier mitnehmen, was man kann), gebannt Hängenbleiben oder Relaxen zwischen den Welten. Das sorgt alles für Bewegung und für Kommunikation, denn auch Theke und Würstlbude (vor dem Haus) sind soziale Attraktionen.

Deventer setzte den Fokus auf die Schiene Chicago/Berlin und auf den Versuch einer gewissen Reanimation des Politischen im Jazz, was Aspekte des Entertainments ein bisschen deutlich derepräsentieren ließ – zumindest im Bereich der Hauptspielstätten. Das war in jedem Fall mutig, denn dafür muss es zwischen Publikum und Musikerinnen ordentlich auf anderen Ebenen funken oder knistern. Das funktionierte glänzend und mitnehmend beim Auftritt von Jason Moran – The Harlem Hellfighters (USA/Großbritannien) mit „James Reese Europe & the Absence of Ruin“, eingeleitet durch ein duftiges Vorspiel junger Berliner Musikerinnen, die an jene Jazzwurzeln erinnerten und den Moment einfingen, an dem sich eine Militärkapelle zum Tiger mausert: Drei Stücke Blasmusik am Übergang zur wilden Musik. Bei Moran selbst: mal eine dreckige-würzige Musik, dann eine fast ziemlich gerade, pure: New Orleans durch den Fleischwolf der Postmoderne gedreht. In Erinnerung an eben jenen James Reese, freiwilliger Soldat der US-Army, zugleich schwarzer Musiker im ersten Weltkrieg, der mit den Harlem Hellfighters den ganz frühen Jazz nach Europa brachte – und in Vergessenheit geriet.

Gelobt: Jason Moran und The Harlem Hellfighters. Foto: HuPe-kollektiv

Gelobt: Jason Moran und The Harlem Hellfighters. Foto: HuPe-kollektiv

Natürlich klappte in den vier Tagen musikalisch nicht immer alles. Mancher Auftritt steckte musikalisch fest. Wie zum Beispiel bei den musikalischen Erfahrungen des reanimierten und erweiterten Kollektivs des „Art Ensemble Of Chicago“ in seiner Neukonfiguration ebenso wie Bill Frisells Knusperklänge an der Gitarre am Schlussabend.

Erfreulicherweise waren in diesem Jahr deutlich mehr Musikerinnen auf den Bühnen präsent, ohne dass dies besonders positiv oder negativ aufgefallen wäre, was für sich selbst spricht: Das Normale ist irgendwie eben auch das Extreme, in jeder Hinsicht.


Zuerst erschienen in nmz 2018/12.


Die Blogeinträge zum Jazzfest Berlin 2018 auf JazzZeitung.de

Jazzfest Berlin 2018 | Tag 1 | “So What Can Jazz Do?”

Jazzfest Berlin 2018 | Tag 2 | Friday Blast

Jazzfest Berlin 2018 | Tag 3 | Suppentopf-Typologien

Jazzfest Berlin 2018 | Tag 4 | Melancholielinien – Der verspätete Jazz

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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