20. Oktober 2021 Guten Tag, everybody
MDR-Slogan und Werbung um 2005.

86-Stundenwoche

Die Postbank-Digital-Studie bringt es an den Tag. Es gibt keine Ruhe mehr. Wir leben in einem medialen Dauerfeuer. Ort des Geschehens: Das Internet, das Web. Ein Ergebnis der aktuellen Studie lautet: „Besonders viel Zeit verbringen die unter 40-Jährigen im Web: Sie kommen in einer Woche auf durchschnittlich 85,6 Stunden, davon 30,6 Stunden über das Smartphone.“ Und was machen die da? Sie kommunizieren, sie surfen, sie hören, lesen und schauen, sie trainieren in der Öffentlichkeit, sie youtuben, netflixen und lassen sich mit Hörbüchern und Podcasts beglücken, sie hören vielleicht auch Radio.

Vergleicht man das mit anderen Tätigkeiten, nehmen sich 40 Stunden im Stau stehen im Jahr fast popelig aus. „Andere Menschen zu küssen nimmt ungefähr zwei Wochen unseres gesamten Lebens in Anspruch, während wir etwa ein Jahr nach verlorenen oder verlegten Gegenständen suchen“, kann man auf einer Website gerade erfahren. Niemand kann einem allerdings sagen, wie viel Zeit unseres Lebens allein auf Momente des Glücks entfällt. 86 Stunden Glück in der Woche wäre aber sicher ein Unglück. Glück fällt einem zu, man kann es nicht kaufen oder erarbeiten. Aber wenn mich nicht alles täuscht – und man muss nicht wie Herr Rossi zu lange suchen – findet man es in Musik (beim Machen und beim Hören) immer wieder neu und natürlich überraschend.

Die 86-Stunden-Woche der unter 40-Jährigen: Was für ein Ballast- und Belaststoff für Körper und Seele. Auch das Schöne lauert nicht, wie ein MDR-Slogan aus den Nullerjahren suggerierte, immer und überall. Es ist genauso selten wie das Glück. Und genauso wertvoll, weil wertlos.


Zuerst erschienen in: nmz Ausgabe: 9/2021 – 70. Jahrgang

Nachtrag: Dieser Text ist jetzt auch nur nötig, angehängt zu werden, um gegebenenfalls die Anzahl an nötigen Zeichen zu generieren, damit er Online auch für die VG Wort relevant wird.