Jazz-CDs 2000: David Matthews bis Anouar Brahem

2000/09

David Matthews & The Manhattan Jazz Orchestra: Back To Bach
Milestone MCD-9312-2

Wieder mal Bach im Gewand von Jazz-Arrangements. Wieder der gleiche Käse? Keinesfalls. Gewiss, David Matthews hat ein paar wirklich nette Bachnummern zur Vorlage genommen wie „Toccata & Fuge d-Moll“, die „Air“. Doch bei aller Konservativität der Herangehensweise (Bach bleibt Bach), ist es hier wie beim Eier-Ausblasen: Kräftig und deftig wird die Bach’sche Musik neu eingekleidet, dass es nur so rummst. Auch und gerade bei den Fugen-Arrangements kommt diese Musik in Fahrt und reißt einen in einen Strudel des Tempo- und Soundrausches mit. Und meines Wissens neu, dass auch einmal das Kyrie aus der h-Moll-Messe „aufgeblasen“ wird. Bach ist ja auch denkbar dankbar, ob seiner raffinierten harmonischen Wendigkeit, seiner kontrapunktischen Vielfalt. Viel muss man da nicht machen, außer, wie Matthews, es richtig knallen zu lassen, oder im Notfall den Tonfall der Arrangements von Gil Evans aus den 50er-Jahren zu imitieren.

Gianluigi Trovesi Nonet: Round About A Midsummer’s Dream
Enja Records ENJ-9384 2

Dieses Nonet besteht aus drei Trios. So quadratwurzelig wie die Besetzung ist auch die Musik. Die drei Trios repräsentieren drei verschiedene musikalische Gesten: das „Trio Barocco” aus zwei Violinen und Cello, das „Trio Populare” mit Ziehahrmonika, Kontrabass und Tambourin und das „Trio Contemporaneo” mit Klarinette/Saxophon, elektrischer Gitarre und Schlagzeug. Die Trios kommunizieren ihre eigene musikalische Welt aus Barockmusik, populärer Musik und modernem Jazz. Wer nun denkt, das geht nicht zusammen, den belehrt diese CD eines Besseren. Die musikalischen Welten unterwandern sich gegenseitig und bleiben doch eigen, nähern sich gewissermaßen schamvoll einander an. Heraus kommt eine lebendige experimentelle Konfrontation aus Zeit und Geist, aber eben kein Zeitgeist. Eine wunderbare neue italienische Renaissance im Jahr 2000. Gerade noch rechtzeitig.

2000/10

Maria Joao, Mario Laginha: Chorino Feliz
Verve 543 749-2

Was passiert, wenn eine Portugiesin auf einen Brasilianer trifft und beide zusammen afrikanisch intonieren? Weltmusik? Vielleicht, aber die Fährte führt eigentlich in die Irre. Es verschmelzen emotionale Energien aus unterschiedlichen Kulturen, die in diesem Falle durch die Kompositionen und Arrangements von Mario Laginha aufgefangen und federnd zurückgespielt werden. Die Stimme von Maria Joao ist wie ein Steinbruch verschiedenster Artikulationstechniken. Wenn diese zusammenkommen mit den eher „unkomplizierten” brasilianischen Stimmen von Gilberto Gil und Lenine, dann ergänzt und reibt sich das herrlich. „Chorino Feliz” ist ein Feuerwerk aus Arrangements und extremer technischer Nachproduktion. Ja, es sind beinahe Hörspiele aus Musik – und entsprechend sind alle Stücke der CD eigenwillig lang, folgen einer kaum durchschaubaren Logik. Dabei ereignet sich das Unfassbare: Nichts wirkt gekünstelt, obwohl nichts spontan ist.

Maria Kannegaard Trio: Breaking The Surface,
ACT 9283-2

Klaviertrio im Jazz ist eine traditionsreiche Gattung. Da hat es alles schon mal gegeben. Kannegaard kann trotzdem noch etwas hinzufügen. Bei den 12 Tracks dieser CD handelt es sich um improvisierte Musik, die klingt als wäre sie komplett notiert. Das heißt, sie ist stringend in ihrer musikalischen Konzeption, es gibt keine Floskeln und keine abgelutschte Phraseologie: knackig kalkulierter Jazz. Das liegt unter anderem an dem unaufdringlichen Klavierspiel und den scharf geschnittenen Kompositionen von Maria Kannegaard, aber vor allem an dem variantenreichen Schlagzeugspiel von Thomas Strønen. So kann das improvisiert Notierte und das notiert Improvisierte immer wieder ins Ungewisse und Unbekannte hineinschillern: „Free Jazz” am Ende des 20. Jahrhunderts, der sich verwandelt hat und nur seinem Gestus nach aus der Tradition kommt. Die Klangsprache ist eine komplett andere, nicht länger expressiv, eher abgeklärt unter den Sternen des Nordens.

2000/11

Oregon with the Moscow Tchaikovsky Symphony Orchestra: Oregon in Moscow,
Intuition INT 3303 2

Das ist ja kräftig daneben gegangen. Die Rest-Oregonianer spielen mit einem Orchester, passend zum gegenwärtigen Trend. Zwei CDs mit Arrangements für diese Begegnung. Schön weich und lieblich spulen und nudeln sich die Stücke durch die Hochglanz-Klänge. Klar, dass sich die Oboe von Paul McCandless mit den Orchesterstreichern hervorragend mischt. Aber sie tut dies nur im Klang. Ebenso symptomatisch die Gitarre Ralph Towners in dem Stück Waterwheel. Verglichen mit alten Aufnahmen des Stücks ist es hier einfach eine Nummer zu kantenlos. Dass Oregon noch gut musizieren können, zeigen sie auf „Anthem” ohne Orchester. Das ist zwar gerade auch homogen, das ist aber hier musikalische Stärke. Wird die Musik quasi doppelt homogenisiert wie in den Orchesterstücken, dann sind sämtliche musikalischen Vitamine abgetötet. Für Musik zum Capuccino reichts aber allemal.

2000/12

Anouar Brahem Trio: Astrakan café,
ECM 1718, 159494-2

Es ist, als ob man sich in Berlin befände, in Kreuzberg: Aus den Ladengeschäften und Imbissbuden strömt unablässig Musik von Aserbaidschan bis Tansania. Dazu nimmt man für gewöhnlich Tee zu sich und beobachtet das bunte Treiben von Händlern, Studenten und Hausfrauen und -männern. Dazwischen immer auch ein paar Nadelstreifenanzüge. Alles hat hier seine richtige Unordnung aus Ruhe und emotionaler Reichhaltigkeit. Mit solchen Bildern verschmilzt die Musik des Anouar Brahem Trios. Das ist keine Yuppie-Folklore sondern eine musikalische und menschliche Haltung, die hier ihre Feinheiten ausprägt. Es ist eine Frage auch des Klimas. Es ist bekannt, dass bestimmte klimatische Verhältnisse zu einer Beruhigung und Verbreiterung des Gemüts führen können. Ein Effekt, den auch diese Musik aus Oud, Klarinette, Bendir und Darbouka evoziert. Bei aller musikalischer Differenziertheit, der man folgen kann, liegt um diese Musik ein in fließenden Falten fallendes einfach geschnittenes Gewand. Schichtweg schön.

Martin Pfleiderer/Volker Spicker: politics,
Herzog Records

Man könnte meinen, da habe sich jemand die im Magen herumzappelnde Weihnachtsgans herausgespielt, denn die Aufnahme ist zwischen Weihnachten und Sylvester 1997 entstanden. Aber da ist kein Fett an der Gans gewesen. Im Ernst: Volker Spicker (Klavier, teils auch präpariert) und Martin Pfleiderer (Saxophone, teils auch ohne Mundstück) musizieren im Extrembereich zwischen Struktur und unmanipuliertem Experiment. Beim ersten Hören extrem spröde, dann aber langsam dröselt sich das Geflecht einigermaßen auf. Heraus kommt dabei eine Musik, die den Hörer zu unbedingter Eigenarbeit auffordert, und das bei jedem der „1“ bis „10“ betitelten Stücke neu. Ansonsten würde ihre emotionale wie strukturelle Bandbreite an einem wirklich spurlos vorbeigehen. Dafür gewinnt man als Hörer aber bei jedem Hören neue Perspektiven. Das ist eben Musik, die sich nicht selbst verbraucht. Alles andere als fette Gans: elegant und halsbrecherisch in einem.

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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