Kult (Seife – Berlin)

Berlin. Tauroggener Straße 1993. Sie galt einmal als die kleine Wilmersdorfer Straße. Die Wilmersdorfer kreuzt die Kant-Straße. In ihr kann man Einkaufen gehen. Die Tauroggener liegt Nähe Mierendorff-Platz und Schloss Charlottenburg, wurde früher von einigen Elektrischen befahren. Das ist alles längst vorbei. Den Charakter einer ehemaligen Einkaufsstraße kann man nur noch erahnen.

In der Tauroggener-Straße gibt es Überbleibsel aus der alten Zeit. Eine Drogerie, in ihr ein älterer Herr als Chef des ganzen. Die Zeit scheint dort stehengeblieben zu sein. Man kann dort fast alles erstehen, vom Film bis zur Creme. Ich weiß heute nicht mehr, warum ich in diesen Laden ging (er lag um die Ecke, ja, aber was heißt das konkret?). Es entspann sich damals 1993 eine langes Gespräch mit dem Inhaber des Ladens, der mir von der alten Zeit erzählte und von seinen Schwierigkeiten in der Gegenwart. Der Laden lief ganz einfach nicht. Am Ende des Gespräches schenkte er mir einen Gegenstand aus der alten Zeit. Er kramte ihn von irgendwo hervor. Die Seife “Kult”.

Vergrößerte Darstellung. KULT. Foto: Hufner

Vergrößerte Darstellung. KULT. Foto: Hufner

Farbfernsehen für Seifen? Der moderne Seifentyp, aber was war an ihr außer der Verpackung denn modern? Oder war damals, in der Zeit ihrer Herstellung, modern ein Wort werberischer Avantgarde? So wie München in den 70er Jahren sich den Wahlspruch “München wird modern” gab? So wie in Jacques Tatis Film “Mon Oncle” die Moderne als rein technische Offenbarung dargestellt und ihr damit verbundenes Unglück gezeigt wird?

Die Typo selbst: Das “K”, welches zugleich einen vorwärtseilede Person mit wehenden Haaren darstellt, die mit weitem, ausfallendem Schritt in diese Welt hinausschreitend und sich zu erobern getraut. Der rote wiegenartige Balken über dem “U”, der das gestalterische Gleichgewicht herzustellen scheint, aber welche Funktion hat er sonst. Auch er bringt Tempo ins Bild. Die Verpackung greift zwei fundamentale Begriff der Zeit auf: “Moderne” und “Tempo”.

Ein Seife, die Zuversicht anzeigt, gewiss. Doch wie komisch schaut mich das an, als ich das kleine Stück aus der Hand des gut 80-jährigen Inhabers der Drogerie erhielt. Die Quersumme dieser Erfahrung 1993 in Berlin ergibt keinen Wert und sie ist doch alles andere als Null. Eher womöglich ein dialektischer Moment von Zeitenschwund, wie eine tektonische Erfahrungsüberlappung. So etwas oder so ähnlich.

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

Das könnte Dich auch interessieren …

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen