Dirigenten und Veranstalter als Kultur-Schnäppchenjäger

Europa ist groß und Deutschland ist klein. Seit der Osterweiterung der Europäischen Union im letzten Jahr ist Deutschland zwar ins Zentrum Europas gerückt, zugleich aber den Kraftfeldern der neuen Länder ausgesetzt, auch im kulturellen Bereich. Das tangiert auch die Musikkultur, denn das Produzieren und Reproduzieren von Musik ist nach offiziellem europäischem Sprachgebrauch eine Dienstleistung und soll somit zukünftig einer so genannten EU-Dienstleistungsrichtline unterliegen.

Führen die Pläne für eine europäische Harmonisierung zu einer neuen Ausbeutungskultur?

Ein Orchester, ein Komponist, ein Musikvermittler hat sich demnach dem europäischen Markt genauso auszusetzen, wie ein Maurer, wie ein Schuster, aber auch wie ein Arzt. Barabara Haack und Olaf Zimmermann äußerten sich in der letzten Ausgabe der nmz schon dazu. Das Ergebnis ist klar, man kann sich künftig die Dienstleistung „Orchestermusiker“ eben dort holen, wo sie am preiswertesten ist. Wenn Musikkultur zwar geil, aber vor Ort zu teuer ist, dann geht man eben zum europäischen Kultur-Media-Markt. So werden bald in Deutschland gewachsene, wohl zum guten Teil auch kranke kulturelle Strukturen einfach verbrannt. Die kulturellen Butterberge, die in Deutschland noch existieren, dürften auf diese Weise schnell abschmelzen. Noch ist die EU-Dienstleistungsrichtlinie nicht durch. Gerade in Deutschland wächst der politische Unmut durch alle Parteien hindurch, mit Ausnahme der FDP, die der Bundesregierung Protektionismus vorwirft. (Die CDU/CSU-Fraktion im deutschen Bundestag sieht neben berechtigten Sorgen aber auch Phantomängste.)

Doch die Problemfragen muss man eigentlich tiefer ansetzen. Kann man aber Kultur, die ja immer auch gewachsene Identität ist, einfach nach Maßstäben der wirtschaftlichen Konkurrenz messen. Sind Kulturgüter, wie eine Theater- und Musiklandschaft, Güter im Sinne des Warentauschs? Gegenwärtig hat es durchaus den Anschein als würde auf der politischen Ebene eben dies ohne Unterschied angenommen. Die Logik ist so einfach wie dumm: Entweder ist Kultur ein Marktgeschehen, dann unterliegt sie dem hemmungslosen Wettbewerb, oder Kultur ist dies eben nicht und fällt aus der Gesellschaft heraus solange diese sich vorrangig über Wettbewerb und Geld definiert – und beispielsweise nicht über kommunikatives Gesellschaftsvermögen. Dagegen stünde auch eine Einordnung von Kunst und Kultur als Dienstleistung der öffentlichen Daseinsvorsorge, wie es die politische Linke begreift.

Aber auch ohne die gerade entwickelte EU-Dienstleitungsrichtlinie sind die Probleme des grenzüberschreitenden Kulturverkehrs nicht zu übersehen. Kürzlich ist mehrfach der Dirigent Volker Hartung in die Schusslinie von Journalisten geraten. Tilman Jens hat dessen Umgangsweise mit osteuropäischen Musikern kürzlich in der von Theo Geißler moderierten Sendung taktlos (vom 6. März 2005, Bayern2-Radio) als „Sklaverei“ und „Ausbeutung“ gebrandmarkt, nachdem Jens in 3sat-Kulturzeit schon einen ähnlich vernichtenden Bericht verfasste. Die Musiker müssten, so Jens, zu teilweise unterirdischen Bedingungen und Bezahlungen ihre Arbeit leisten und seien den Direktiven ihres „Arbeitgebers“ hilf- und hoffnungslos ausgeliefert. Volker Hartung bestritt die Vorwürfe vehement. Nein, seine Musiker bekämen keinen Maulkorb und: nein, seine Musiker würden nicht unterpreisig beschäftigt. Im Gegenteil, selbst gegenüber Musikern, die in Deutschland tariflich in Orchestern beschäftigt seien, würden seine Musiker nicht schlechter dastehen. Das bestätigte auch Juri Gilbo, der künstlerische Leiter der Russischen Kammerphilharmonie St. Petersburg mit Sitz in Frankfurt am Main. Er meinte im Gespräch, dass zum Beispiel Einreisebedingungen für osteuropäische Musiker so rigide sind, dass in den Visa jeweils stünde, dass die Musiker nur für den „einen“ Arbeitgeber arbeiten dürften. Selbst wenn sie andere Tätigkeiten aufnehmen wollten, wäre ihnen das untersagt. Gilbo hält daher den Vorwurf Jens’, die Arbeitgeber dieser Musiker würden diesen Umstand hemmungslos ausnutzen für fragwürdig.

In die gleiche Kerbe schlägt auf seiner Internetseite Volker Hartung: „Die Europäische Union hat die Annäherung der europäischen Länder zum Ziel, und zwar mit der Absicht, die Ungleichheiten zu verringern und eine gerechtere Welt zu schaffen. In der Praxis bemerkt man jedoch sehr bald, dass jedes Land noch seine eigenen gesetzlichen Bestimmungen in einer Vielzahl von Bereichen hat. Besonders auf kulturellem Gebiet haben individuelle Gesetze, Bestimmungen und Verordnungen zum Teil katastrophale Auswirkungen.“

Privatwirtschaft und Förderung

Hartung warf darüber hinaus die Frage auf, ob nicht vielleicht die Zukunft des Orchesterwesens – auch in Deutschland –eher im Bereich der privatwirtschaftlichen Organisation liegen werde, so wie dies in den USA schließlich auch der Fall sei. Somit wäre die europäische Frage eher eine nebensächliche bei der es nur darum gehe, eine staatssubventionierte und gewerkschaftliche Struktur über ihr gesellschaftliches Ende hinaus zu retten. Auch hier befindet sich Hartung durchaus im Gedankenfeld der europäischen Kommission. Diese stellt die Frage, inwieweit mit öffentlichen Geldern geförderte Unternehmungen privatwirtschaftlichen Initiativen Konkurrenz machen dürften, oder ob nicht vielmehr durch die öffentliche Förderung der Wettbewerb, eben auch in der Kultur, auf diese Weise deutlich verzerrt würde. Es ist dies zum Beispiel eine aktuelle Frage bei der Kritik der europäischen Kommission an zusätzlichen Erwerbstätigkeiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (Werbung und Vermarktung).

Beethoven in Europa. Foto: Hufner

Beethoven in Europa. Foto: Hufner

Was soll man in diesem Zusammenhang von dieser Initiative des Ensemble Resonanz halten: „Sie können also direkt über die Subventionierung von Kultur entscheiden. Kaufen Sie einen Musiker! Ein Musiker kostet 400 Euro und Sie als Investor haben noch mehr davon: Sie werden eingeladen zu unserer exklusiven Saisonabschlussfeier mit prominenten Gästen und kleinem Konzert.“ Ist das ebenfalls schon eine kulturelle Prostitution? Und was unterscheidet Hartungs Jugendorchester beispielsweise vom Bundesjugendorchester oder der Jungen Deutschen Philharmonie? Kann sich etwa die Deutsche Orchestervereinigung auf Dauer hinter ihrer und der deutschen Geschichte verstecken, oder muss sie nicht vielmehr der praktischen Realität ins Auge sehen, die derartige Vereinigungen immer mehr als gesellschaftliche Bremser versteht?

Kaufen Sie einen Musiker!

Der Fragenkatalog ist reichhaltig und trifft ins Mark eines Kulturselbstverständnisses, gerade an dem Ort, dessen öffentliche Förderung von Kultur seit langem Tradition bürgerschaftlicher Entwicklung war und ist, nämlich der deutschen Kultur. Die politischen Entwicklungen der letzten 20 bis 30 Jahre zeigen an, dass die Verankerung von öffentlich geförderter Kultur in der Gesellschaft auch angesichts kranker Haushaltskassen sich immer deutlicher ablöst. Man kann die Menschen schließlich nicht zur Kultur zwingen wie zur allgemeinen Schulpflicht. Ist aber darum das Mittel der „Verführung“ mittels Werbung und medialer Heilsversprechen eine geeignete Wahl?

Das Staatstheater Cottbus wirbt mit dem Slogan: „“Wir machen Staat –– Ihr Staatstheater in Cottbus!““ Ist dies nicht genau das, was Kultur im Rahmen von Gesellschaft ausmacht? Kultur ist der Nährboden für gemeinschaftliche Verantwortung und Kunst ihr Ausdruck; nicht im Sinne von Tempelanlagen mit beschränkten Zugangswegen sondern als explizit politisches Ausdrucksvermögen. So verstand sich jedenfalls einmal bürgerliches Kunstbegehren, zu dem Unterhaltung wie der Gestus des Bürgerschrecks oder der Selbstkritik und Verunsicherung gehört. Doch solche Freiheit kann kein abstrakter „Markt“ garantieren oder regulieren, genauso wenig wie eine abstrakte öffentliche Kulturverwaltung. In der Kultur ist selbstverständlich ebenso Platz für private Initiativen wie für öffentliche – als Form geleiteter Selbstorganisation durch den Staat, der wir ja selbst sind. Wo diese Selbstorganisation nicht mehr funktioniert, fünf Millionen Arbeitslose bestätigen das auf traurige Weise, da sind Gesellschaft und Kultur längst zerfallen. Es ist doch wie eigentlich immer: Die Probleme, die durch die EU-Erweiterung entstehen, sind multifaktoriell. Wenn man sie nur auf politischer Entscheidungsebene abhandelt, dann mag das effektiv als Verwaltungsakt sein. Aber Kultur ist doch eigentlich etwas mehr, nämlich gesellschaftlicher Ackerbau der Sinne. Das aus den Augen zu verlieren, sind wir auf dem besten Weg.


  • Zuerst erschienen in der nmz 2005/05

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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