Außen vor bleibt, was anders sein könnte – Auf neuen Wegen in die mediale Zukunft: Radio und Video im Internet

Waren bis vor kurzem der Rundfunk, das Fernsehen und das Kino die alleinigen Statthalter einer medialen oder multimedialen Öffentlichkeit, so hat das Internet sich nun auch diesen Raum erobert. Ermöglicht durch rasche Übertragungs- und Empfangswege. Heute kann jeder seinen eigenen Sender aufziehen, sofern er die technischen Mittel dazu hat. Die Hürde ist nicht mehr so groß wie früher.

Mit der neuesten Software GarageBand in iLife für Apples Computer und Betriebssystem, gelingt wohl auf Anhieb auch einem Novizen ein kleines Feature. Mit den kleinen und kostengünstigen Digitalkameras kann jeder einen Film drehen. Eine Internetpräsenz ist schnell eingerichtet und mit der passenden Software auch relativ einfach aktuell zu halten. Da stellt sich allerdings die Frage: Was will man mit all dem anfangen? Können könnte man ja, wollen will man. Aber was soll man da können wollen?

Der einfachste Gegenstand ist der sprichwörtlich naheliegendste, man bildet sich selbst ab. Man bildet ab, was man ist, was man war, was man sein möchte. Tausende Geschichten sind möglich und alle sind gleichwertig, gleich wichtig. Theoretisch und wohl auch praktisch resultiert aus diesen Möglichkeiten die bloße Zunahme eines kollektiven Narzissmus, wie es sich in den Weblogs auch abzeichnet.

Im Wellenbad der Selbstdarsteller ragen dann diejenigen heraus, die überhaupt noch ein paar Worte zusammenhängend reden und denken können. Viele sind das nicht. In jeder Zeit gibt es einen sehr hohen Ausstoß künstlerischer und außerkünstlerischer Produktivität. Vieles wird vergessen. So wie früher auch.

Rundfunktheorie

Manch einem mutet das an als die moderne Realisierung einiger Passagen aus Brechts Radiotheorie der 30er-Jahre. Brecht schrieb damals: „Der Rundfunk ist von einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar größte Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen.“ Bei Brecht blieb der Rundfunk aber als Institution und Vermittler zentral. Nicht die Masse der Stationen macht Kommunikation, sondern die Klasse der Partizipation; deshalb nennt er es auch ein „Kanalsystem“.

Recht und Geld

Nur heute ist das Sich-unsterblich-machen durchs Netz keine Frage der öffentlichen Selbstorganisation, sondern eine Rechts- und Finanzierungsfrage.

Bis vor anderthalb Jahren war es beispielsweise mit relativ einfachen und günstigen Mitteln möglich, im Internet auf Sendung zu gehen. Man erfüllte alle rechtlichen Voraussetzungen, bezahlte Tarife an die GEMA und GVL. Dann wurden zu Beginn 2005 diese Tarife verteuert. „Der Normaltarif beträgt für nichtkommerzielle Veranstalter € 0,0005 pro Titel und Hörer oder alternativ € 0,00015 pro Minute und Hörer bei Abrufen aus Deutschland. Die pauschale Mindestvergütung beträgt € 500,– pro Jahr und Kanal“, liest man im Tarif der GVL. Zahlreiche Hobby-Sender haben unterdessen dichtgemacht. Die GVL verteidigt die Tarife unter anderem damit, dass ein Hobby schließlich nicht umsonst sein muss (http://www.gvl.de/gvl-was-aendert-s…), andere seien das ja auch nicht. Man kann die Künstler, die durch die GVL vertreten werden, ja verstehen. Kreative Leistungen sind keine be- und abnutzbare Leistung, derer man sich beliebig bedienen darf. In den Worten der GVL: „Zugegeben: Die Pauschale ist nicht billig und kein ‚Schäppchen-Preis‘, aber Hobbys sind im Allgemeinen nicht umsonst. Auch die Rechteinhaber an den Songtiteln haben Anspruch auf ein angemessenes Entgelt, und auch die Lieferanten des PCs, des Servers und der sonst zum Webcasting notwendigen Hard- und Software machen keine ,Hobby-Preise‘, sondern wollen für ihre Leistungen entgolten werden. Das wollen die Rechteinhaber auch!“

Hobby-Sender mit Auftrag

Aber der Haken an der Sache ist, dass auf der anderen Seite gebührenfinanziertes (Internet-)Radio von öffentlich-rechtlicher Seite steht. Es ist ja nicht so, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk die Künstler aus der eigenen Tasche finanziert, sondern es sind die Gebührenzahler. In Zeiten, wo sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk selbst nur zur Abfunk- und Abdudelstation verwandelt, mutet dies obsolet an, zumindest jedoch unfair. Sicher darf man die Mehrzahl der Hobby-Sender nicht unbedingt als eine kulturelle Bereicherung verstehen, sondern bloß als eine Verdopplung der öffentlich-rechtlichen und privaten Funkstationen. Die Gefahr des Kulturverlustes droht eher an der Rändern, da, wo Kultur noch entsteht und Dinge in Bewegung setzen könnte.

Im Wald. Foto: Hufner

Im Wald. Foto: Hufner

Beispiel: Sie sind ein Enthusiast und wollen ein kleines Feature über Bernd Alois Zimmermann für das Internet zusammenstricken. Solange man nur Wort macht, im gegebenen Umfang Text zitiert, läuft alles glatt. Aber mit dem ersten Einsatz eines Musikbeispiels beginnt das Problem. Sowohl GVL und GEMA verlangen dafür Gebühren. Das wäre alles noch im Rahmen, wenn man denn durch sein kleines Feature selbst Geld verdienen wollte. Zumeist handelt es sich bei den Produzenten solcher kleiner Kulturgeschichten aber um arme Enthusiasten, die nur das, was sie sonst unter Freunden (privat, zu Hause) machen, mehreren Menschen zugänglich machen wollen. Es geht ihnen nicht um sich selbst, sondern den Künstler, eben Bernd Alois Zimmermann. Die eine Form der Kreativität, das Feature, setzt die des Komponisten und Künstlers voraus, dessen Werk bliebe aber ohne Verbreitung stumpf und stumm. Einzig, wenn man beide in eine Wertschöpfungskette überführte, wäre die Sache im Lot. Das Feature müsste was kosten, damit es existieren kann – oder man hat geerbt. Einen Kulturauftrag für Privatpersonen gibt es eben nicht. Und momentan will auch niemand wirklich eine solche ungesteuerte Aktivität. Es wird somit auch zu einer Kostenfrage, wer über wen etwas senden kann. Ob das der Verbreitung gerade auch stiefmütterlich vernachlässigter Kunst und der kulturellen Vielfalt im öffentlichen Raum günstig ist, darf man durchaus bezweifeln.

Der stille Ton

Gerade weil Ton und Texte im Zeitalter des Schutzes von geistigem Eigentum mehr wert sind, als sie Wert sind, bleibt vielen allein der Übergang zum stummen Sprechen übrig. Damit ergänzt man bestenfalls andere Angebote, die eine solche Institution sonst vorhält. Die Berliner Philharmoniker halten es so, wenn sie auf ihrer Website „Podcast“ mit Gesprächen zu Künstlern, Werken und Veranstaltungen vorhalten (http://www.berliner-philharmoniker.de/de/podcasts/). Diese abgefilmten Werkstattgespräche verlängern den sinnlichen Arm der Programmhefte und der Programmierung von Veranstaltungen. Hier ist dann auch die Grenze erreicht, an der man zwischen Modewelle und sinnvoller Erweiterung von Öffentlichkeitsarbeit in den Netzraum zu stehen kommt. Für die meisten heißt das Ende der Fahnenstange dann freilich leider Videohobbythek. Do-It-Yourself, Ikebana fürs Medienzeitalter und die dazu gehörigen alten Männer, geniale Dilettanten bestenfalls.

Kanalsystem

Dann doch also lieber Selbstdarsteller an jeder Ecke des Netzes und „professionelle“ Datenverwerter an der anderen? Demokratische Partizipation kann man das nicht nennen und Ermutigung zum Engagement auch nicht. Wie viel Wissen und Information dadurch nie an die Helle des Tages gelangt, weiß niemand abzuschätzen, aber in einem Land, das sich vor allem zugute hält, ein Kreativmotor sein zu wollen, wird auf diesem Weg zum geteilten Land, das nur scheinbar jedem jeden Zugang – eben nur theoretisch – ermöglicht. Möglich wäre viel, machbar bleibt also wenig. Es verwundert daher nicht, wenn immer häufiger Künstler, Urheber und Autoren den Verwertungsgesellschaften wie GEMA und GVL den Rücken kehren, denn diese vertreten nur die materiellen, nicht die geistigen oder gesellschaftlichen Interessen. Anderes ist möglich und wird auch praktiziert. Immer noch aktuell: Janko Röttgers Beitrag über „Creative Commons Lizenzen“, nmz 2003-7/8, Seite 13

Neue Kanäle tun sich jedoch unvermittelt auf, denn das Ganze ist ein Geschäftsfeld wie der Handel mit Lizenzen oder „geistigem“ Eigentum. Mit der Software iTunes und seinem mobilen Musik- und Videospeicher iPod hat die Firma Apple momentan die Marktmacht und auch den Zeitgeist hinter sich. Eine ganze Generation von Multimedia-Publishern nennt sich Podcaster. Dass das auch nur alter Wein in neuen Schläuchen ist, verschwimmt hinter der Coolness der Bewegung. Mit der Software Songbird (http://www.songbirdnest.com/) versucht das Open-Source-Projekt um den Browser Mozilla (bekannter durch Firefox) etwas entgegenzusetzen. Noch ist man in der Beta-Version, noch ist man nicht so hübsch und funktional wie die Software von Apple. Aber man ist wenigstens freier, weniger reguliert, weniger patentiert, weniger bloß ein Wirtschaftsklops. Und im Videoland macht sich mittlerweile der Suchmaschinen-Primus Google (http://video.google.com/) breit. Hier liegen alle möglichen Formen der Aufzeichnung von Amateurvideos bis zu künstlerischen Experimenten und komplett durchsuchbar vor. Teilweise ist das Angebot kostenpflichtig. Damit schließt sich der Kreis der Verwertungsketten erneut. Außen vor bleibt, was anders sein könnte, es aber nie sein wird; denn die Welt ist einfach nicht gut, so wie sie ist – auch wenn sie zeitweilig viel Spaß macht.


Zuerst erschienen in nmz Ausgabe: 4/2006 – 55. Jahrgang

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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1 Antwort

  1. 13. Juli 2017

    […] was anders sein könnte. Auf neuen Wegen in die mediale Zukunft: Radio und Video im Internet, in: neue musikzeitung, 2006/04, Seite 3. Auch hier ist die aktuelle Entwicklung wenig erfreulich, wenn ein Livestream-Sender, der mehr als […]

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