„Wege aus der Krise? Die Musikindustrie und ihr „Play Fair“- Konzept“ – Hans Bäßler im Gespräch mit Martin Hufner

Auf der Jahrespressekonferenz des Bundesverbandes Musikindustrie im März wurden die neuesten Zahlen dieses Wirtschaftszweiges vorgestellt. Standen bislang die privaten Vervielfältigungen (das Brennen von CDs) im Zentrum der Kritik, sind es heute die vielfältigen Formen des Herunterladens von Musik aus unterschiedlichsten Quellen. Das Downloadgeschäft entwickelt sich nicht, oder wenigstens nicht im gewünschten Sinne. Die legalen Downloads können nicht den Umsatzumfang der alten Distributionswege kompensieren und die illegalen Downloads laufen ganz an der Musikindustrie vorbei. Hans Bäßler stellte auf dieser Pressekonferenz eine Initiative vor, die direkt an den Schulen, im Musikunterricht, die Art und Weise der Wertschätzung von Musik in das Zentrum eines veränderten Umgangs mit Musik heben möchte: „Play Fair – Respect the music“. Martin Hufner erörterte mit Hans Bäßler einige Ideen und Hintergrundgedanken dieser Initiative.

Hufner: Worin unterscheidet sich eigentlich das Bewusstein eines Musikdiebes von dem eines Ladendiebes und wie lässt sich die Werthaltigkeit von Musik vermitteln.

Bäßler: Ich glaube, dass das Bewusstsein als solches gar nicht vorhanden ist. Die Schülerinnen und Schüler haben ein Oberflächenbewusstsein, weil alle möglichen Leute sagen, dass man nicht illegal downloaden darf, aber das emotionale Bewusstsein dafür ist nicht vorhanden.

Ein großer Wunsch wäre, wenn wir dahin kämen, dass zukünftig viel mehr als bislang eine größere Vielfalt von Individualität auch im rockmusikalischen Bereich möglich wäre. Die prinzipiellen Möglichkeiten kann man sehr schön erkennen, wenn man mit Schülern über deren Alltag hinaus über Musik spricht. Sie haben oftmals hoch ambitionierte und raffinierte eigene Vorlieben oder machen selbst als 14-/ 15- Jährige eine ganz eigene individuelle Musik. Und diese eigene individuelle Musik ist das Wertvollste, was wir haben, da sie direkt mit ihnen persönlich zu tun hat. Von ihr kann man ausgehen und auch Erfahrungen mit ganz anderen Musiken sammeln.

Hufner: Glauben Sie, dass sich mit „Play Fair“ wirklich nachhaltig etwas verändern lässt?

Bäßler: Ich glaube, dass es etwas bewirken kann, sonst würde ich mich dafür nicht engagieren, und zwar mit dem Ziel, dass es am Ende zu einer erhöhten Wertschätzung kommt. Ich denke aber auch, und das wäre auch größenwahnsinnig, dass wir das mit dieser „Play Fair“ Initiative nicht allein die Wertschätzungsdebatte vorantreiben können.

Hufner: Wie umfangreich ist Initiative „Play Fair“ angelegt, wer macht mit?

Bäßler: Es machen noch die Musikpädagogischen Verbände mit, inzwischen eigentlich alle Großen. Das sind der Verband Deutscher Musikschulen (vdm), der Verband Deutscher Schulmusiker (vds), der die Gesamtkoordination übernimmt, der „Arbeitskreis für Schulmusik“ (afs). Und das sind die Verbände, die unmittelbar mit der Lehrerfortbildung zu tun haben, sei es von Musikschullehrern, sei es von Schulmusikern.

Hans Bäßler. Foto: Hufner

Hans Bäßler. Foto: Hufner

Hufner: Besteht nicht die Gefahr, dass der Musikunterricht in der Schule durch „Play Fair“ in seinen anderen Kernaufgaben beeinträchtigt wird? Der Musikunterricht kann doch nicht nur in der Funktion des Dienstleisters der Musikindustrie aufgehen sondern soll ja auch etwas wie Spaß an der Musik vermitteln.

Bäßler: Nein! Herr Hufner, da kommen Sie auf einen ganz wesentlichen Punkt. Der Gedankengang ist eigentlich ein umgekehrter. In dem Moment, wo ich Spaß am Musikmachen habe, und ich betone bewusst auch dieses Aktive des Machens, da entsteht aus meiner Sicht eine andere Form der Wertschätzung. Diese Aktivität muss aber auch begleitet sein von Informationsanteilen, z.B. im Hinblick Fragen des Wirtschaftskreislaufs im Hinblick auf die Musik. Doch diesen komplexen Prozess der Vermittlung und Ermöglichung kann der Musikunterricht allein gar nicht leisten, sondern es muss insgesamt ein Klima für Wertschätzung im politischen Sinne erreicht werden.

Was für mich ganz auffällig war ist, dass uns alle Fachzeitschriften, die wir bisher darauf angesprochen hatten, dass wir diese Debatte der Wertschätzung neu haben müssen, sofort unterstützt haben. Was das ökonomische Problem der Wirtschaft im weiteren und engeren Sinne angeht im Hinblick auf die momentan wegbrechenden Umsätze, da kann, da muss die Schule diese Frage im Unterricht erörtern, sie muss Bewusstsein schaffen, sie muss sensibilisieren.

Dieses Bewusstsein schließt aber auch die Frage nach dem verantwortbaren Handeln mit ein. Momentan aber ist tatsächlich das Handeln von der ethischen Verantwortung abgekoppelt.

Hufner: Im Untertitel heißt Ihre Initiative „Respect the music“. Welche Kerngedanken sind damit verbunden?

Bäßler: Ich möchte eigentlich eines sagen. Man vergisst bei dieser ganzen Debatte, neben dem Individuum Künstler, die vielen kleinen und kleinsten Labels, die oftmals unglaublich entbehrungsreich Dinge produzieren, die einmalig für unsere Musikkultur sind – in der Qualität, in der Liebe zur Musik, in der großen Sorgfalt, jenseits allen Mainstreams und Vorformatierung. Das müssen wir im klassischen Bereich genauso beobachten wie im populären Bereich.

Wenn ich mir vorstelle, wie sie oftmals am Rande ihrer Existenz versuchen über den nächsten Monat oder das nächste halbe Jahr zu kommen, dann – und dies ist auch eine ganz besondere Hoffnung – erwächst uns an diesen Brennpunkten eine Herausforderung. Je mehr ich darüber nachdenke, wie es mit der Wertschätzung im musikalisch-kreativen Bereich bestellt ist, desto komme ich, dass wir hier diese Wertschätzung im eigentlichen Sinne nicht mehr haben, denn jede einzelne eigene Wertschätzung müsste eigentlich damit korrelieren, dass ich bei dem anderen dieses auch anerkenne.

Da setzt sinnvollerweise der Unterricht in der Schule an, denn wenn wir es schaffen, dass wir eine neue Kultur des Individuellen erzeugen, dann würden wir auch die Frage des Wertes der Kreativität, die ja ein Teil des Individuellen ist, vermittelt bekommen. Und das wäre gleichzeitig ein Beitrag gegen die Vermassung von Welt.

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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