Schafft das Marketing seinen Gegenstand ab? – Der Berliner Senat will der Neuen Musik Gutes tun und bewirkt Schlechtes

Als besonders giftig erweisen sich mehr und mehr Geschenke, die nur unter der Bedingung gewährt werden, dass sich jemand findet, der etwas mitschenkt – im ordentlichen wirtschaftsdeutsch nennt man das vornehm „Gegenfinanzierung“. Neu ist die Spielart, dass selbst die Gegenfinanzierung noch gegenfinanziert werden muss.

In Berlin etwa will die Senatskanzlei für den Haushalt 2009 einen Betrag von insgesamt 100.000 Euro für ein Marketing Projekt für zeitgenössische Musik reservieren, um für den Fall einer Förderung durch den Europäische Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) die notwendige Kofinanzierung anbieten zu können. Insgesamt 200.000 Euro könnten also bei einem Ja der EFRE schon 2009 zur Unterstützung der Neue-Musik-Szene in Berlin zur Verfügung stehen. Dies meldet die Berliner „Initiative Neue Musik“ (INM) in einer Presseerklärung.

Nun stelle es sich aber heraus, so Orm Finnendahl vom Vorstand der INM, dass sich der Berliner Beitrag von 100.000 Euro nicht aus neuen Mitteln zusammensetzt, sondern aus Haushaltsmitteln – etwa 85.000 Euro – sowie aus geplanten Kürzungen bei der Initiative Neue Musik e.V. – hier soll es um etwa 15.000 Euro gehen.

Bei der ganzen Aktion des Berliner Senats handelt es sich um ein Projekt, mit dem man dem Akzeptanzproblem der Neuen Musik und ihrer Szene Herr werden möchte. Die Senatskanzlei Berlin spricht von einer Marketingmaßnahme. Dafür will man „über einen Zeitraum von mehreren Jahren ein Büro der nötigen Infrastruktur“ einrichten. Alles in allem, eine Initiative ähnlich derjenigen, die vor etwa einem Jahr die Kulturstiftung des Bundes auf den Plan gerufen und zur Gründung eines bundesweiten Netzwerks Neue Musik geführt hat.

Moralischer Druck

Das ganze Verfahren zeitigt einen moralischen Druck: In der Summe geht es um 200.000 Euro, die in die Neue-Musik-Szene zum Zweck des Marketings geleitet werden, dafür könne man doch nur verlangen, dass die Betroffenen, in diesem Fall die INM, auf einen Teil ihrer Zuwendungen im Jahr 2009 verzichten. Es gehe schließlich um mehr und eigentlich, wenn auch nicht ausgesprochen, um eine Renovierung der Berliner Neue- Musik-Szene, eine Investition in die ungewisse Zukunft.

Zweierlei scheint daran bedenklich: Offenbar ist es dem Land Berlin nicht möglich, diese Aktion aus eigenen Mitteln zu stemmen. In keiner Ecke ihres Etats finden sich offenbar die fehlenden 15.000 Euro – oder sie wollen auch nicht gefunden werden. Vielmehr ist es auf diese Weise möglich, die Agenten von Kultur (wie eben jene Initiative Neue Musik) unter haushaltspolitischen wie moralischen Druck zu setzen. Das wäre ein Armutszeugnis für die Berliner Kulturförderung. Außerdem ist zu fragen, ob man überhaupt „Geschenke“ (die Förderung der EU) annehmen darf, selbst wenn man den Bedingungen des Geschenkes nicht ausreichend genügt, sprich, jemandem etwas wegnehmen muss, damit man das komplette Geschenk gebacken bekommt. Das System der so genannten Gegenfinanzierung wird auf diese Weise im schlimmsten Fall zu einer Art Erziehungsmaßnahme der Geförderten.

Danaer-Geschenke der EU

Wie sind solche „Gaben der EU“ überhaupt zu bewerten? In anderen Projekten wie dem Berliner Programm zur vertieften Berufsorientierung für Schülerinnen und Schüler (unterstützt aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds) lässt man sich tiefe Eingriffe in die Bürgerrechte gefallen, insofern dort auch personenbezogene Daten erhoben werden, die geltenden Datenschutzrichtlinien Hohn sprechen. Offenbar belohnt die EU mit dieser Fördertechnik jene, die die geringsten Skrupel zeigen. Die Verlockungen des Geldes scheinen blind zu machen und die Logik des „friss oder stirb“ greift immer mehr um sich. Der Zweck heiligt jedes Mittel.

Das führt auf die Frage zurück, welcher Zweck in der Neuen-Musik-Szene Berlins die Mittel heiligen soll. Von Seiten der Initiative Neue Musik wird bestritten, dass es solcher Marketing-Maßnahmen überhaupt in dem vom Senat gesehenen Umfang bedürfe. Die INM befürwortet zwar die Errichtung einer Stelle, die all die Aktivitäten der Szene zu bündeln in der Lage wäre, lehnt es aber ab, sie (mit-) zu finanzieren. Marketing dürfe nicht gegen Projektförderung ausgespielt werden. Mittlerweile wendet man sich auch online mit einer Petition an den Berliner Senat, die bislang über 600 Personen gezeichnet haben.

Übrigens ist die INM selbst als Marketingidee geboren worden. Sie wurde 1991 kurz nach dem Mauerfall mit Unterstützung des Berliner Senates gegründet, um die verschiedenen Interessen der freien Szene im Bereich Neuer Musik zu bündeln. Einzigartig ist das Modell der landesgestützten Selbstorganisation, das als eine quasi institutionelle Lobby auch Projektmittel vergeben kann.

Aber mehr noch geht es eigentlich um die Frage, ob Neue Musik, näher, ob oder wie weit Musik überhaupt ein Gegenstand des Marketings sein sollte. Vielleicht vergisst man zu leicht, dass es am Ende nur um die Fähigkeit der Menschen geht, Erfahrungen zu machen, „eine spontane Beziehung zur Sache“ (Adorno) herzustellen. Es geht um das Gegenteil von Marketing, es geht um die produktive Herstellung von Naivität, um die Befreiung von Vorverordnetem, Vorverstandenem, Vorgekautem. Wie ein Marketing aussehen könnte, das dies hervorbrächte, kann man sich schlechterdings nicht vorstellen. Aber sicher hätte es seinen Angriffspunkt nicht in der Neue-Musik-Szene, sondern in der Gesellschaft selbst.

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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