Funk-Versteck – Über Informationszugänge zur Neuen Musik im öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk gilt immer noch als Bastion in Sachen „Neue Musik“. Regelmäßig werden entsprechende Aufnahmen produziert, Archive sorgen für Kontinuität der Hörerfahrungen, komplexe Autorenbeiträge werden in Auftrag gegeben und reflektieren Musik und Szene. Schließlich tritt der Rundfunk als (Mit-)Veranstalter einiger Festivals in Erscheinung und dokumentiert sie.

All das ist wunderbar, sieht man sich aber an, wie der Rundfunk sich aufstellt, will er seine Tätigkeit an die Hörer bringen, wird es schnell zappenstill. Über die entsprechenden Webseiten findet man nur schwer die nötigen Informationen, eine Zusendung von Vorschauen über das gesamte Programm häuft Papier auf Papier. Eine wellen- oder gar anstaltenübergreifende Zusammenschau findet man nicht. Mühsam muss man selbst sich durch die Informationsangebote hangeln.

Unser anonymer Versuch, die gewünschten Informationen zu Konzerten und Features zu Neuer Musik über die Kontaktformulare der entsprechenden Wellen zu erhalten, war mehr als ernüchternd (siehe hierzu im Bad Blog of Musick). Von allen angeschriebenen Anstalten antworteten gerade mal drei umgehend, die anderen aber auch nach zwei Tagen noch nicht. Antworten kamen vom Hörerservice von mdr-Kultur und BR-Klassik. Beide konnten aber nicht die gewünschten Informationen liefern, auf Nachfrage bei mdr-Kultur dann auch dort Stille; vielleicht wäre es ehrlicher gewesen, mitzuteilen, dass es da auch einfach fast keine Angebote gibt… Nur der hessische Rundfunk hat die Anfrage an die Fachredaktion weitergeleitet, die umgehend eine entsprechende Übersicht für den kommenden Monat liefern konnte.

Ich vermisse Dich. Foto: Hufner

Ich vermisse Dich. Foto: Hufner

Dabei gibt es sogar eine Suchmaschine bei der ARD, die gewünschte Sendungen aktuell und für eine nahe Zukunft ausspuckt. In die Liste hat sich dann aber auch mdr-jump (die Popwelle) eingeschlichen, die für ihre Musik auch das Attribut „Neue Musik“ reklamiert. Andere Sendungen, die nicht das Stichwort „Neue Musik“ tragen, fallen dafür immer noch durchs Raster. Von dieser Liste führt dann aber auch kein Link zu den entsprechenden Sendungen. Wer jetzt noch zu hofft, eventuell derlei Sendungen in einer Mediathek nachhören zu können, fällt ganz auf die Nase.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass gar kein Interesse an der Verbreitung „Neuer Musik“ im Rundfunk herrscht. Dass man sie eher gut vor den Hörern verstecken möchte, mag zwar nicht mal gewollt sein, aber man tut alles dafür, dass genau dieser Eindruck entsteht. Wenn dann der BR seine Klassik-Welle demnächst von UKW ins digitale DAB+ abschiebt, wird es noch dunkler, präziser: stiller. Ebenso unverständlich ist die Entscheidung der öffentlich-rechtlichen Sender, in die überregionalen DAB+-Angebote ihre sowieso gleichklingenden Pop- an Stelle ihrer Kulturwellen einzuspeisen (Ausnahme Bayerischer Rundfunk).

Die zunehmende Digitalisierung des Rundfunks führt leider nicht zu mehr Vielfalt, sondern zu Verarmung. Da muss man sich nicht wundern, wenn die Angebote von YouTube bis Spotify mehr Zuspruch finden als die mit Kulturauftrag versehenen und von uns allen bezahlten öffentlich-rechtlichen Sender.

Zuerst erschienen in: nmz 3/2017 – 66. Jahrgang

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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