Wie wäre es, wenn alles so wäre, wie es ist (Nachwort zu Theos Kurzschluss – 85 kleine Streitschriften zu Politik und Kultur)

»Ein unbescheidener Titel. Im Titel liegt das, was man gewollt hat. Und im Inhalt das, was man nicht gekonnt hat. Die Gegenwart wird ihn verdammen, pardon, belächeln. Aber die Zukunft wird ernst und nachdenklich bleiben. Ein Wegweiser ist kein Ziel. Aber ein Weg-Weiser!« So beginnt Peter Altenbergs Text »Pròdromos« aus dem Jahr 1906. Wie bescheiden im Ergebnis, wie unbescheiden im Ziel. In einer Zeit, in der man meinen möchte, die Posaunen von Jericho bliesen einem aus jedem Text entgegen, der in aktueller Aufmerksamkeitsmanier verfasst wird. Da muss es fast fatal blödsinnig erscheinen, mit chronischem Masochismus auf kulturpolitische Entwicklungen der letzten 15 Jahre zurückzuschauen. Was interessiert einen schon der Datenschutz von gestern oder die eine oder andere Indoktrination eines Konzernchefs, die vermittels sogenannter Lobbyarbeit in die Politik einsickerte. Die Namen der Akteure sind teilweise längst vergessen, man wird sich ihrer bald schon nicht mehr erinnern. Die eine oder andere Sport- oder Kulturarena wird noch den Namen des einen oder anderen Konzerns oder Produktes tragen, die eine oder andere Schule nach ihm benannt sein, sie werden zum bloßen Kulturungut. Es wird ihnen gehen wie vormals den zahlreichen Generälen, die die Straßennamen verunzieren – in scheinbar gleicher Wertigkeit mit Komponisten, Schriftstellern, Bildenden Künstlern, anderen Geistesarbeitern oder Wesen aus Fauna und Flora. Vorbei ist aber nicht vorbei. Auch solche Kultur setzt sich ab wie abgenickte und ungelesene Datenschutzerklärungen oder »Allgemeine Geschäftsbedingungen« auf Internetseiten. Auf der anderen Seite das, was der französische Philosoph Michel Serres mittlerweile als die fünfte Macht erkannt hat, »unabhängig von den vier anderen, der legislativen, der exekutiven, der judikativen und der medialen«: die Daten. Herrscht man über die Daten, herrscht man über die Gesellschaft. Die Daten sind dabei so verteilt, atomisiert und unendlich, dass sie für jeden Einzelnen oft den Rang der Nutzlosigkeit, neben dem der Bequemlichkeit einnehmen. Also Schwamm drüber? Hoffen, es wird schon nicht so ernst werden, wie es ist? Theo Geißlers Antwort ist eine andere.

Kulturpolitik vermitteln

Wie kann man stattfindende kulturpolitische Bewegungen »vermitteln«, also Politik, die Kultur macht? Sicher über Texte, die mit Methoden anerkannter Wissenschaft die Vorgänge analysieren. Aber wie sicher sind deren Erkenntnisse, wenn doch die Methoden selbst nicht wissensneutral sein können, sondern bestimmten, mehr oder weniger anerkannten Standards entsprechen. Als Gefahr lauert da ein trockener, leerer Szientismus. »›Szientismus‹ meint den Glauben der Wissenschaft an sich selbst, nämlich die Überzeugung, daß wir Wissenschaft nicht länger als eine Form möglicher Erkenntnis verstehen können, sondern Erkenntnis mit Wissenschaft identifizieren müssen,« schreibt Jürgen Habermas in seiner Studie »Erkenntnis und Interesse«. Dieser Weg ist gangbar, aber er kann nicht halten, was er zu versprechen scheint. Wissenschaft ist nicht neutral, sondern gebunden und immer gefärbt. Damit verliert sie den politischen Stachel, während sie hintenherum laufend sozusagen die Blutwerte der Gesellschaft verändert.

Theos Kurzschluss: 85 kleine Streitschriften zu Politik und Kultur

Theos Kurzschluss: 85 kleine Streitschriften zu Politik und Kultur

Aus der Praxis einer politischen Arbeit heraus ist es aber ebenfalls nicht einfach möglich, Kulturpolitik zu vermitteln. Politik ist tendenziös, sie ist Programmen untergeordnet, sie ist alles andere als frei. Politiker dokumentieren ihre Gedanken, und so gegenläufig die geläufigen Programme auch immer sein mögen, sie sind politischer Arbeit zugeordnet – also dem Erzeugen von Recht, das sich schließlich in Gesetzen oder anderen Entscheidungsformen niederschlägt. Politik Macht Kultur! Politik ohne Praxis wäre absurd. Aber kann man so ein Grundvertrauen in ihr Tun erlangen? Wohl eher nicht.

Der Journalist schließlich dokumentiert Dokumente und Taten, er kann die Wirkungen von Kulturpolitik beschreiben. Dazu wird er aber unterkomplex bleiben müssen, er wird Partei ergreifen müssen, die nackte Wahrheit der Dokumentation ist eine Illusion. Damit soll diese Tätigkeit nicht kleingeredet sein. Wenn man sich nicht auf die ernsthafte Neugier dieser Begreifer verlassen könnte, würde man nur wie unter einem Schleier mit dem Blick auf Politik und Kultur leben.

Kulturpolitik aufdecken, das heißt Kulturpolitik sichtbar machen, muss doch auch anders gehen. Und das geht dummerweise besonders gut auf einem leider sehr verdächtigen, wo nicht gar verrufenen Weg, dem künstlerischen nämlich. Also der Lüge an sich, der Erfindung einer Realität, dem »Schein«. Alles in der Hoffnung, Kunst könne sichtbar machen, was die Welt durch ihr bloßes Da- und Sosein mehr verdeckt als offenbart. »Wovon man nicht schweigen darf, darüber muss man reden«, muss seitens der künstlerischen Bewältigung dem Wittgensteinschen Diktum entgegengehalten werden.

Theo Geißler hat in seiner Kolumne »Kurzschluss« für die Zeitung des Deutschen Kulturrats »Politik & Kultur« alle drei Sphären zusammengebracht und in Sprachkunst umgewandelt. In den ersten Jahren in der Form der Glosse, später als »embedded journalist« im Auftrag der Regierung – um präzise zu sein, zuerst und vor allem als Schreib-Lakai des vormaligen Innenministers Deutschlands: Wolfgang Schäuble.

In seinen am Anfang stehenden Glossen finden sich Überschriften aus regelmäßig mindestens zwei zusammengestellten Worten wie beispielsweise »Toll« und »Correct«, »Fuck« und »Tor« und »Mensch«, »Milch« und »Medien« und »Rechnung«. Sie werden sodann zusammenmontiert und zusammenkomponiert und in diesem Moment zugleich dekomponiert, die Titel funkeln. Sie spannen ein semantisches Wortfeld der mehrfachen Mehrdeutigkeit auf wie ein Schirm, unter dem dann der Text mal in die eine, dann in die andere Richtung folgen kann. Es sind keine Ambivalenzen der Beliebigkeit, die daraus entstehen, sondern die Texte rennen an die Wände der Vernünftigkeitsgrenzen unserer Wirklichkeit, wie eine Maus in einer Versuchsanordnung. Nur, dass es hier immer wieder gelingt, die Grenzen zu durchbrechen und für Momente eine Außenansicht des kulturpolitischen Feldes zu erhalten, in dem dann die Erkenntnis durchblinzelt. Das ist vergnüglich auch, weil die Verzerrung die Windschiefigkeit der kulturpolitischen Entwicklungen das Bild klärt. Oder mit den Worten Geißlers: Es handelt sich um »kontrolliertes Schreiben« (aus »Beim Terrorismusbekämpfungs-Ergänzungsgesetz-Training«, P&K 03/2007).

Wir haben das für diese Buchausgabe der Texte Geißlers versucht zu konterkarieren, in dem Jahreschroniken vor die jeweiligen Texte gestellt wurden: nackte Daten aus der Wikipedia zum überwiegenden Teil. Und wir haben das konterkariert mit kleinen Subtexten, die als Orientierungspunkte, vielleicht schon nicht mehr so präsenter historischer Daten, dienen sollen und als mentaler Refresh in eben dieser neutralen Sprache verfasst sind, die Wertneutralität vortäuscht und damit geeignet erscheint, den Evidenzcharakter des Haupttextes noch zu steigern.

Terror der Üblichkeiten

Dem Terror der Üblichkeiten kultur-politischen Handelns begegnet Geißler durch einen Maßnahmenkatalog des Unüblichen, um das Unmögliche dort beim Schopf zu greifen, wo es tatsächlich liegt, nämlich auf der Hand. Das ist das Moment des Utopischen im Text. In anderen Texten werden Personen und Positionen verschoben wie bei einer der Rundfunkkritiken »Hoyzer for Intendant«, aber auch weiteren. Ein neues Spiel beginnt, Geißler lässt die Puppen und Institutionen tanzen und dribbelt wie mit dem Hölzenbein durch das kulturpolitische Netz, Schwalben werden gekonnt inszeniert. Das lässt den distanzierten Kolumnen-Autor irgendwann nicht mehr zu, er muss sich selbst als Kulturmarktteilnehmer enttarnen. Der Journalist Theo Geißler wird zum Gegenstand und zum Opfer seines Treibens. Nach Spinoza gilt hier die Maxime, »dass man alles denken darf, wo man nicht alles tun darf.« Geißler denkt durch, was man wohl dennoch täte, wenn man es nur gedurft hätte. Mit einem luxuriösen Sprachstil und in Bildern, die man mit gutem Grund und ohne Schwierigkeiten sofort als Filmdrehbücher umschreiben könnte, entfaltet und bläst er die sauerstoffarme kulturpolitische Wirklichkeit so auf, dass sie am Ende nur um so großartiger kollabieren kann. Einfacher gesagt, er übertreibt maßlos und großzügig – geradewegs wie ein Ritter auf dem kulturellen Ergometer. Dabei lässt er sich und seine Leser hineinziehen in einen aktionsreichen Strudel von Verrücktheiten, vor dem selbst die gar nicht fiktionalen Auftraggeber seiner fiktiven Aufträge zuerst erblassen dürften, um dann mit aller Konsequenz den radikal Unbequemen aus dem Heißluftballon der Fantasie zu stoßen. Scheitern muss dieser Ritter, er bleibt restlos chancenlos vor der Allmacht der Politik. Aber das Scheitern macht uns diesen Journalisten sympathisch.

Damit wandelt sich zugleich die Form der Kulturkritik. Sie nimmt Adornos Kritik an ihr auf, die er im Aufsatz »Kulturkritik und Gesellschaft« (Frankfurt am Main 1976, S. 7) so formulierte: »Dem Kulturkritiker paßt die Kultur nicht, der einzig er das Unbehagen an ihr verdankt. Er redet, als verträte er sei‘s ungeschmälerte Natur, sei‘s einen höheren geschichtlichen Zustand, und ist doch notwendig vom gleichen Wesen wie das, worüber er erhaben sich dünkt.« Durch die Anerkenntnis des Positionswechsels, nämlich zugleich Agent und Gegenstand von Kultur(politik) zu sein, kann die Erkenntnis des Einblicks endlich greifen und wird, wie man sieht und liest, zugleich lächerlich und ärgerlich für das Umfeld, das sie zum Sujet hat. Aber in diese Kampfzone muss er eintauchen. Und natürlich muss er dies in Form der Fiktion tun und gestalten. Aber auch in einem weiteren Punkt unterscheidet er sich vom Gegenstand der Kritik Adornos: Der Bereich, auf den Geißler sich bezieht, ist nicht die Kulturkritik als gesamter Block, sondern speziell der einer Kulturpolitikkritik – er tut dies nicht nur textlich vor Ort im Auftrag von Ministerien, sondern auch in demjenigen Zeitungsorgan, in dem Fragen der Kulturpolitik auf vielen Ebenen erörtert und dokumentiert werden, der Zeitung »Politik & Kultur«. Mag das dem einen oder anderen als Feigenblatt (also nicht die Zeitung, die man umgangssprachlich auch als Blatt bezeichnet) erscheinen, so ist doch fast kein besserer Platz dafür denkbar. Das ist alles andere als »feige«.

»Kulturkritik und Gesellschaft«

Längst hat die Einfalt, die leichte Lösung als Logik einer pervertierten Politik Raum verschafft. Wir können einerseits nur hoffen, dass sie sich nicht durchsetzen wird in der Realpolitik eines eindimensionalen Terrors. Dagegen setzt der »embedded journalist« Geißler die Macht der Vielfalt, des Queren und auch der Hypertrophie. Kulturpolitik ist kein leichtes Geschäft; Kulturpolitik, die sich aus einem Law-and-Order-Denken der innen- oder finanzpolitischen Praxis speist, wird aber zur Perversion, denn sie verliert ihren eigentlichen Gegenstand, die Kultur nämlich, aus den Augen, wo sie nicht gar auf sie zerstörerisch wirkt. Diesen Abgrund haben die hier versammelten Texte immer im Visier, sie tänzeln am Rande des kulturpolitischen Vulkans. Dabei schaut Theo Geißler in den Schlund mit einer körperlich verzweifelt-überschäumenden Laune und Lust. So wird das zu einem notgedrungen unendlichen Abgesang auf das Falsche, Ungute und Unschöne.

Man muss die »versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt«, schreibt Karl Marx in seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Der Tanz, den Theo Geißler hier im Visier haben könnte, wäre vielleicht am ehesten ein Zwiefacher und vielleicht genausosehr eine profane Polonäse Blankenese. Denn die Versteinerung kennen wir heute in der Form eines Schleimbatzens, der viele Formen annehmen kann und sich dennoch nicht an die Wand nageln lässt. Da ist Beweglichkeit beim Versuch gefordert, eine Sprache im Stechschritt müsste versagen.

Wie also wäre es, wenn alles so wäre, wie es ist? Sichtbar wird es durch solcherlei Texte, aber da wird etwas übersehen. Deshalb noch einmal »Halt!«: Die Kunst Geißlers wie alle Kunst kann nicht nur in der Kunst der Aufklärung bestehen, sondern auch im Verrätseln. Ohne diese Zutat fehlte ein wichtiges Element des Denkens in und über Kulturpolitik und vor allem ein Element der Kommunikation mit den Lesern, die schließlich gefordert sein möchten und nicht nur bedient. Sonst wäre das Tun sehr vergeblich, weil es sich dem Niveau eines Groschenromans annäherte als Groschen-Glosse oder -Shortstory, an deren Existenz in weiteren Medien leider kein Mangel herrscht. Der neuen Unübersichtlichkeit kommt man nicht bei durch eine Klärung mit der Gewalt des argumentativen Holzhammers, wie er zurzeit wieder neuer Beliebtheit sich erfreut, sondern nur, indem man diese Situation spielerisch nach außen, schmerzhaft nach innen aushält. Diesen Schmerz wohl auch bei allem Witz spürt man nicht nur zwischen den Zeilen.

Theo Geißler: Ein Umweg-Weiser!

  • Zwischen Regensburg und Kleinmachnow im Februar 2017

Erschienen als Nachwort in dem Band: Theos Kurzschluss –85 kleine Streitschriften zu Politik und Kultur, herausgegeben von Olaf Zimmermann und Martin Hufner. 2017,272 Seiten, Paperback, Fotos von Martin Hufner. CB 1266. ISBN:978-3-940768-66-7, € 12,80. (Infos bei ConBrio – Bestellen bei amazon)

Bildquellen

  • Theos Kurzschluss: 85 kleine Streitschriften zu Politik und Kultur: ConBrio | Alle Rechte vorbehalten. Keine unlizenzierte Nutzung.

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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