29. November 2020 Guten Tag, everybody
Von der Rolle. Foto: Hufner

[Cluster] Wer ist Endel?

Endel ist Komponistin. Endel ist unter Vertrag bei Warner. Mit Endel hat Warner schon fünf „Alben“ auf den Markt gebracht. Endel ist aber keine Person. Wer ist Regen? Regen ist unter Vertrag bei Natur. Regen gibt es irgendwo immer – auch auf Tonträger oder rein digital im Streaming. Regen ist auch keine Person. Endel arbeitet mit Tönen, Regen durchaus auch. Aber Regen hat keinen Vertrag bei einer Plattenfirma. Bei Bach ist das mal so, mal so.

Von der Rolle. Foto: Hufner
Von der Rolle. Foto: Hufner

Klartext: Endel ist ein Algorithmus, der Töne erzeugt, programmiert von irgendwelchen Programmiererinnen, gefüttert mit Daten aus der Umwelt wie Tageszeiten und Wetterlage. Es könnte auch etwas anderes sein. Überhaupt kann Endel alles sein und ebenfalls nichts. Hauptsache: Es erzeugt ein „akustisches“ Feld. Die ganze Sache ist total bedeutungslos, die Sache hat keine Überzeugung, keine Meinung, ist weder Dur noch Moll, weder links noch rechts, weder weiß noch schwarz noch bunt, weder dies noch das. Wie bei indirektem Lichtdesign ist Endels Klangartefakt eine pure Kulisse, ein musikalisches potemkinsches Dorf. Musikalische Ideologie im Gewand der Ideologiefreiheit.

Und damit passt es perfekt in diese musikindustriell angetriebene Welt musikalischer Artefakte, wenn sie auf Hörende trifft, denen es vor allem um eines geht: um das Nichts; das Nichts als Ambiente, das Nichts als Atmosphäre für Menschen über Überdruss am Überfluss, von dem man gleichwohl nie genug bekommen kann. Endel: Ein Tinnitus der Musikindustrie, das Ende(l) der Musik.


Zuerst erschienen in: nmz 5/2019 – 68. Jahrgang