Arnold Schönberg – Späte Werke: Kol Nidre op. 39 · Dreimal tausend Jahre op. 50a · Psalm 130 op. 50b

1933, Schönberg war seit sieben Jahren als Leiter einer Klasse für musikalische Komposition an der Preußischen Akademie der Künste in Berlin tätig, verfinsterte sich das politische Klima in Deutschland und Österreich zusehends in Schwarze. Der Nationalsozialismus lief jetzt nicht mehr unter dem Deckmantel einer biederen, reaktionär-revolutionären Sozialutopie, sondern verschaffte sich ganz offen – unter den Augen der Weltöffentlichkeit – mit brutalsten Mitteln Platz. Nachdem am 1. März der Präsident der altehrwürdigen Preußischen Akademie der Künste, Max von Schillings, verkündete, daß der jüdische Einfluß zu brechen sei, verließ Schönberg die Sitzung. Am 10. Mai verbrannten Bücher und Noten auf dem Opernplatz und nur 7 Tage später kehrte Schönberg Berlin für immer den Rücken zu. Zwei Monate danach tritt er in Paris wieder der jüdischen Glaubensgemeinschaft bei. Gegenüber Freunden rechtfertigt Schönberg diese Entscheidung nicht mit politischen Argumenten, sondern er schreibt beispielsweise an Anton Webern: „Ich bin seit ‘14 Jahren’ vorbereitet auf das, was jetzt gekommen ist. … Ich bin seit langem entschlossen, Jude zu sein …” Schließlich emigrierte Schönberg über Frankreich nach Amerika. In den USA wurde er nie so recht heimisch, aber einen Unterschlupf fand er wohl. Er war nicht der gefeierte Star, auf den man dort gewartet hätte, und so lebte er eben recht bescheiden Los Angeles.

Kol Nidre op. 39 (1939)

Kol Nidre für Sprecher, Chor und kleines Orchester entstand 1939 auf Anregung des Rabbiners Jakob Sonderlings. Zugrunde liegt ein traditioneller Text, den Schönberg jedoch – wie er in einem Brief an Paul Dessau schrieb – für „wahrhaft unmoralisch“ hielt. Denn er bringe die Auffassung zum Ausdruck, „daß am Versöhnungstage alle Verpflichtungen, die man während des Jahres eingegangen hatte, gelöst sein sollten.“ Der über 1000 Jahre alte Bezug zum Ursprung dieses Textes bei den spanischen Juden sei dabei verloren gegangen. Kol Nidre selbst ist die aramäische Bezeichnung von „Alle Gelübde“. Während die an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, gesprochene Formel allgemein der Widerruf unfreiwillig gegebener, die eigene Person betreffende Gelübde meint, akzeptiert Schönberg nur eine eingeschränkte religiöse Bedeutung. Er arbeitete das Kol Nidre auf die Weise um, „daß es nichts anderes besagte, als daß alle, die freiwillig oder unter Zwang zum Schein den christlichen Glauben angenommen hatten (und die darum aus der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen sein sollten), an diesem Versöhnungstag sich wieder mit ihrem Gott versöhnen dürfen, und alle Gelübde (Gelöbnisse) gelöst sein sollten.“ Und damit ist natürlich die Sittlichkeit dieses Textes wieder hergestellt.

Im Schaffen Schönbergs wirkt diese Komposition wie ein Nebenwerk. Es konnte sich weder im liturgischen Rahmen verankern noch auf den Konzertpodien durchsetzen. Dabei ist das Stück wirklich neu für das Oeuvre Schönbergs. Es ist die erste Komposition seit langer Zeit, die wieder tonale Idiome ganz ausdrücklich verwendet. Darum ist die Komposition aber längst nicht weniger konstruktiv durchdacht. Hinter der Oberfläche walten auch hier feinste kompositorische Handgriffe; dieses Nebenwerk ist eben kein Verlegenheitswerk. Nach außen hin lehnt sich Schönberg sehr genau an die Textgestalt an: Wenn z.B. gleich bei dem Ausruf: „Es werde Licht“, das Flexaton mit seinem metallisch-hellen und sich biegenden Ton verwendet wird und dadurch einen grellen musikalischen Lichtblitz erzeugt.

Das eigentliche Kernstück des Textes wird nach dem Vorbeten des Rabbi vom Chor einstimmig und mit archaischem Tonfall gebracht. Schönberg schrieb dazu an Dessau: „Eine meine Hauptaufgaben war, die Cello-Sentimentalität der Bruch, etc. wegzuvitriolisieren und diesem DEKRET die Würde eines Gesetzes , eines ‘Erlasses’, zu verleihen.“

Dreimal tausend Jahre op. 50a / Psalm 130 op. 50b (1951)

Arnold Schönbergs späte Werke seit dem Streichtrio op.45 zeichnet eine außerordentlich ernste, jedoch nicht verbissene Musiksprache aus. Nicht genug damit, daß Schönberg Europa verlassen mußte, weil die nazistische Barbarei unverhohlen sich ausbreiten konnte, Schönberg litt zudem seit 1945 an einer schweren Herzkrankheit, die ihm jegliche Arbeit nur noch unter größter Anstrengung erlaubte. Sein Arzt Frederic Waitzfelder analysierte Schönbergs Leiden später so: „Durch die politischen Verhältnisse und den Verlust seiner Position litt er unter starken Depressionen, wodurch seine Arbeitsfähigkeit bedeutend herabgesetzt wurde. In zweiter Linie war es der Mangel an Verdienstmöglichkeiten, was auch sehr an seiner Gesundheit zehrte. Seine Zuckerkrankheit wurde dadurch verschlimmert, so daß sich arteriosklerotische Veränderungen entwickelten und auch die Herzkranzgefäße in Mitleidenschaft zogen.“ Schönberg, der früher zum Teil artistische, d.h. ausschweifende, kapriziöse Werke zu Papier brachte, komponierte nun so, als gelte es die ihm verbleibende Zeit äußerst ökonomisch und intensiv zu nutzen.

Waren früher schon typisch jüdische religiöse Themen ein wichtiger Bestandteil im Leben Schönbergs (Die Jakobsleiter, Moses und Aron, das Drama Der biblische Weg), sind gerade seine letzten Werke eine nochmalige Anstrengung, seinem Glauben nach außen – aber vermutlich auch nach innen – erneut Ausdruck zu verleihen. Die beiden Chorstücke op 50 a und b aus dem Jahr 1951 sind seine letzten vollendeten Werke. Beide Kompositionen behandeln das gleiche Thema – die Erwartung der Wiederkunft Gottes – doch unterscheiden sich die Texte im Ausdruck und ihrer Motivation: Hoffnung auf der einen Seite, Verzweiflung auf der anderen. Und so stehen sich die Stücke auch musiksprachlich gegenüber, nicht sich gegenseitig auschließend sondern sich ergänzend: Das eine zart, bittend und fließend, das andere grob, harsch und fordernd, wodurch sich zwei Seiten jüdischer Religiösität wiederspiegeln.

Dreimal tausend Jahre ist ein Chorstück, das mit den Mitteln der Zwölftontechnik komponiert wurde. Aber hier ist sie gerade so umgesetzt, als hangele sich der musikalische Satz an der traditionellen Harmonik entlang. Dadurch liegt die Komposition in einer Art Schwebezone zwischen strenger innerer Technik und äußerlich freier Bewegung. Der Text und seine kompositorische Verarbeitung werden mit größter Diskretion zum Ausdruck gebracht: mit genau der Bescheidenheit, die den wartenden Gläubigen zu eigen ist sein dürfte, wenn sie den Vorschein der Wiederkehr Gottes erahnen.

Der Psalm 130 wird in hebräischer Sprache gesungen. Auch dieses Werk bedient sich der Zwölftontechnik, die aber nicht mehr so rigoros gehandhabt wird wie zu Zeiten der ersten Werke der Zwölftontechnik. Daß auch dieses Stück so beredt wird, liegt nicht zuletzt an der Kombination von Gesang und Sprechgesang. Dadurch erhält das Stück den Anrufungscharakter, der sehr genau der religiöse Bedeutung der Psalmen, insbesondere aber des vertonten entspricht. Der Tonfall ist hier darum auch viel krasser, stählerner und verzweifelter als bei Dreimal tausend Jahre. Musikalisch kulminiert das Stück bei dem Satz: „Harre, Israel, auf den Herrn“. Dies konvergiert sehr genau mit Erwartung der Erlösung, die den Menschen jüdischen Glaubens erst bei der Wiederkehr des Herrn zuteil wird. Bekenntnisreich widmete Schönberg diese Komposition dem neuen Staate Israel.

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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