Songs by Zemlinsky – Haselböck, Henschel

Wie soll man das Werk Alexander Zemlinskys (1871-1942) einordnen? Er ist der Schwellenkomponist schlechthin. Er steht zwischen der alten Moderne eines Brahms und Wagner und der bald schon wieder veraltet wirkenden Moderne eines Schönberg und Berg. Dazwischen hat er “einen” Platz und fand noch weitere Schwellen mit seinem “Kreidekreis” beispielsweise.

Works by Zemlinsky - Haselböck, Henschel Pan Classics 10162

Works by Zemlinsky – Haselböck, Henschel
Pan Classics 10162

Auf dieser CD finden sich neben einem seiner Hauptwerke, den Maeterlinck-Gesängen op. 13 und den Walzergesängen nach Toskanischen Liedern von Ferdinand Gregorovius op. 6 zwei Liederzyklen (Sieben Lieder 1889-90 und Fünf Lieder 1895-96) aus dem Nachlass (darin zwei Erstaufnahmen) sowie zwei Brettl-Lieder (1901).

Hermine Haselböck (Mezzosopran) und Florian Henschel (Piano) haben den Tonfall gefunden, der einerseits eine gewisse Schwüle des Ausdruck im Fin de Siecle widergibt, doch zugleich auch genug Modulation einer fast sachlichen Darstellung. Sie lassen die Musik für sich sprechen. Die Stimme der Haselböck ist feinfühlig, zart im Vibrato und tragend ebenfalls. So nimmt die Musik nimmt den Fluss, den der Komponist ihr verliehen.

Ein sehr instruktiver Booklet-Text von Christoph Becher weist auf die Besonderheiten der Musik hin (Variantentechnik zum Beispiel). Auf eine andere Verfahrensweise geht er am Beispiel der Maeterlick-Gesänge ein: “Verwendet werden schlichte Vokabeln – einfache Formen, liedhafte melodische Floskeln und periodische Rhythmen -, die erst in ihrer Verbindung Rätsel aufgeben.”

Zemlinksy, ein Schwellenkomponist? Ja, und nein. Nein, und Ja. Seine Musik macht die Unentschiedenheit zu ihrer Grundsprache.

Persönliche Notiz: Mir selbst hat es das Lied “Herbsten” aus den Fünf Liedern (1895-96) auf einen Text von Paul Wertheimer besonders angetan.

Klagend weint es in den Zweigen,
grelle Blätter, windgewiegt,
jäh von tollem Sturm besiegt,
tanzen müd im Todesreigen.

Und die Wünsche, die aus herben
Wurzeln an das Licht geblüht,
sinken klagend, sinken müd
in das große Sterben.
Klagend weint es in den Zweigen.

Diese Stimmung werde ich mal versuchen zu erinnern, wenn der nächste Herbst auf der Schwelle steht. Der musikalische Satz hat orchestralen Charakter und lässt dann auch an Mahler denken. Das Stück ist an sich eigentlich eine Übertreibung, textlich wie musikalisch. Da drängt sich der Verdacht eines Bildes für ein anderes auf (“das große Sterben”). Persönliche Notiz Ende.

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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