1956 – Lennie Tristano, Turkish Mambo

Einen kleinen Einstieg in Tristanos Pianospiel habe ich schon vorgestellt: Line Up. Auf der gleichen Platte (Atlantic Records ATL 50 245) findet sich auch der Turkish Mambo. Ebenfalls ein außerordentliches Stück Musik. [Und nebenbei, der Klirrfaktor, den diese Platte nun hat, entstammt der zahlreichen Abspielungen mit einem Philips-Plattenspieler mit eingebautem Verstärker und fettem Saphir-Gewicht.)

Turkish Mambo ist ein Klaviersolo. Jedoch macht Tristano sich einige technische Verfahren zunutze. Der Hintergrundpart dürfte aus drei Schichten bestehen, drei ostinaten (sich wiederholenden Pianophrasen), die nacheinander übereinander gelegt werden. Ein alter Freund würde das mit “Wir bauen eine Stadt” bezeichnen. Danach (nach über einer Minute) setzt das eigentliche Pianosolo ein.

Musikbeispiel 1: Lennie Tristano, Turkish Mambo, Anfang

Wir bauen eine Stadt, ja und nein. Die drei übereinandergelegten Klavierphrasen sind nicht aufeinander passend gebaut. Die Phrasenlängen differieren. Da Tristano die Phrasen sehr akzentuiert spielt, bekommt man auch gut mit, wie sie sich gegeneinander verschieben. Die zweite ist halbtönig kreisend (4 Schläge – Drei Töne), die dritte besteht aus zwei identischen Motiven (5/4-Takt, einmal auftaktig und einmal volltaktig gedacht). Was ist mit der ersten? Die ist schwierig. Da müsste ich genau transkribieren, doch fürchte ich, es bringt nicht einmal so viel. Diese Schicht besteht zwar auch aus der Wiederholung eines gleichen Motivs, nur, es ist unpräzise phrasiert (kein Vorwurf, im Gegenteil), liegt mitunter neben der Zeit. Das hört man, wenn man den Anfang in halber Geschwindigkeit klingen lässt.

Musikbeispiel 2: Lennie Tristano, Turkish Mambo, Anfang gedehnt

Zusammen gehalten wird diese Tripelschicht durch die Rassel (oder was das für ein Instrument ist, wohl Snare? geschlossene Hi-Hat?), die das Metrum eindeutig markiert.

Diese dreifach gegliederte Schicht wird nun teilweise für Tristanos Improvisation sehr wichtig. Zum einen, indem sie Elemente der in den tiefen Registern liegenden Schichten herausgliedert. Sei es das halbrepetitive der einzelnen Schichten, oder deren diastematische Struktur (also die Tonfolge). Das ist zu Beginn sehr deutlich hörbar. Manchmal klingt die Improvisation nach Herauslösung aus dem Schichtenmaterial, mal klingt es nach Erzeugung einer weiteren Schicht.

Musikbeispiel 3: Lennie Tristano, Turkish Mambo, Anfang der Improvisation

Wobei, wie im Musikbeispiel 3 das repetitive Moment ganz stark wird. In den 3:37 des ganzen Stücks kommt es zu einer internen Steigerung der Repetitionsmuster. Das habe ich mal zusammengeklebt, die Schnitte merkt man fast nicht, obwohl ich mir damit nicht einmal besonders Mühe gegeben habe.

Musikbeispiel 4: Lennie Tristano, Turkish Mambo, Repetitionsphasen der Improvisation

Eine langsame Steigerung, die in der Tonhöhe nach oben steigt und sich intensiviert. Was wichtig ist, die Tonwiederholungen nutzen in der Regel einen, später zwei Nebentöne. Von der letzten Repetitionsphase zur letzten wird der Auftakt fast zum Vorschlag.

Alles das können wieder nur Indizien sein, kleine Hinweise auf dieses Improvisation Lennie Tristanos 1956. Leute, das ist Jazz. Und ich fragte mich, warum eigentlich. So, wie ich es darstelle, sieht es schwer kalkuliert aus, wie nach und aus einer Partitur hergeleitet. Das Ding ist, eine derartige gegenläufige Artikulation, natürlich der Tonfall sowieso, ist nur aus dem Jazz bekannt und Jazz und Kalkulation sind nicht zwingend Gegensätze. Der einerseits hochkonzentrierte Aufbau, aber dann auch das launige Einsprengen kurzer Floskeln. Auch hier gilt wie für Line Up: Die Musik schwingt. Lange habe ich nach optischen Metaphern gesucht. Und für den Turkish Mambo kam ich nur zum Bild der Unruhe in einer Uhr. Diese Unruhe liegt in der ersten Schicht der Klaviervorproduktion. Sie, zusammen mit dem punktgenauen Unterteilen der Zeit durch das Geräuschinstrument (Rassel, whatever), erzeugt diese Differenz zur genauen Ungenauigkeit. Das ist das Spannungsfeld, das die Funken schlägt.

Meine private Meinung dazu: Ganz groß!

PS: 2014 – Wenn man so will, eine Vorversion des Spiels mit Phasenverschiebungen, wie sie Steve Reich in vielen Stücken praktiziert hat. Aber Bei Reich ist das alles – wenn man so will – schlimm geordnet, es fehlt das Moment des Anarchischen. Oder anders gesagt, obwohl die Mittel sich sehr ähneln, ist etwas anderes gewollt, beabsichtigt und umgesetzt.

PS: 2017 – Mittlerweile gibt es eine Transkription, die man auf YouTube sehen kann. Es handelt sich bei der dritten Schicht um eine in 7er-Einteilung. Wir haben also eine 3/5/7 auf 4-Schichtung.

Bildquellen

  • Türkischer Mambo in Regensburg. Foto: Hufner: Martin Hufner | Alle Rechte vorbehalten. Keine unlizenzierte Nutzung.

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

Das könnte Dich auch interessieren...

1 Antwort

  1. 9. Juni 2017

    […] der ersten technischen nachträglichen Bearbeitungen (Manipulationen) der Originalaufnahmen. Der “Turkish Mambo” ist im mehrfachen Playback entstanden und „Line Up” soll nachträglich durch […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen