Von der Ausrollung eines fliegenden Teppichs in Berlin

„Du bist verrückt mein Kind, du musst nach Berlin; wo die Verrückten sind, ja da muss’te hin“. Und so ist Berlin voll mit Menschen und Verrückten. In so einen Haufen von Neue-Musik-Verrückten hat die Berliner Gesellschaft für Neue Musik (BGNM) den Autoren des Buches „Die Leichtigkeitslüge“, Holger Noltze zum Gespräch geladen. Neue Musik gilt ja für gewöhnlich als schwer, ein leichtes Spiel also für Noltze?

Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Das Buch von Noltze hat ja enorm eingeschlagen in der Szene. Alle, die schon immer den leichten Weg als für sehr brüchig hielten, fühlen sich bestätigt, endlich sei das Buch geschrieben worden, das allen auf der Zunge lag – außer denen, die den leichten Weg gehen mochten, es sich dabei aber eigentlich nicht leicht machen, denn sie wollen ja etwas ändern, sie wollen, dass musikalischer Genuss und musikalische Arbeit alle erreiche. Das Mittel der Wahl ist der Abbau von Schwellen, die den Zugang zur herrlichen Musik erschweren. Pointiert könnte man auch sagen, dass dies zur Herstellung von Gräben geführt hat, in die diejenigen nun umso tiefer fallen.

Egal ob Education-Projekte oder die Verschleifung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zum Dudelfunk. Die Musik wird zum Vehikel, sei es ökonomischer Betriebsamkeit oder der Zwangsbeglückung. Im Gespräch wurde viel über den Niedergang der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten gesprochen – und das Merkwürdige daran, aber eigentlich wenig Beachtete, dies geschah und geschieht sehenden Auges. Die, die sich dagegen wehren könnten, tun es leider nicht – sondern igeln sich am Ende des Kulturganges in selbstvergessenen Zimmern ein. Nach ihnen käme aber eine Generation von Allroundern, die alles gleich gut könne, aber an sich dem System sich unterordneten. Neue Festanstellungen seien selten, Redakteure mit Zeitverträgen stünden häufig auf der möglichen Abschussliste.

Gleichwohl war der Einwurf aus dem Publikum, der Niedergang des öffentlich-rechtlichen Rundfunks liege wohl auch daran, dass Musikwissenschaftler an die Stelle von Komponisten als Redakteure getreten seien, bleibt mehrfach hilflos und zeigt nur, dass man das Problem nicht begriffen hat – denn das spielt eine rein zufällige Rolle (mal stimmt es, mal stimmt es nicht). Wenn ich Noltze richtig verstanden habe, wiederholt sich mit solchen Einsichten keine Einsicht. Diese Form der Selbstevaluierung ist schließlich mit das Problem (eine Kritik, die sich an zahllose Konzerte unter musikvermittelndem Motto anschließen lässt, aber auch jede Musikszene für sich treffen kann). Die Fremdevaluation nach den Maßstäben von McKinsey und Co ist jedoch ihrerseits von Vorgaben längst abhängig, die man wohl nicht als „frei“ und „autonom“ bewerten kann – das Gegenteil ist vielmehr richtig.

So unklar ist, wie die Misere sich so umfassend ausbreiten konnte, so wenig scheint auch von Seiten eines engagierten Publikums etwas erreichbar. Der unterdes entstandene marktgängige Block ist hart wie nie zuvor. Und das alles geschieht im Zeichen einer vermeintlichen Publikumsannäherung. Aber auch der Hinweis, dass an die Stelle der Spezialisten nun Allrounder (Universalisten) getreten seien, bleibt vordergründig. Denn auch das ist keine Frage, die man zur einen oder anderen Seite als „richtigen“ Weg beantworten kann.

Offen blieb die – freilich auch nicht gestellte – Frage, wie man in den Prozess der so oder so um sich greifenden Änderungen eingreifen könne, dass er gestaltbar bleibt (oder wird), konnte nicht beantwortet werden. Doch Noltze, vor allem nach einer den Problemknoten entzerrenden Intervention des Philosophen Harry Lehmann, der insbesondere ein Legitimationsdilemma der noch institutionalisierten Hochkultur ausmachte, plädierte für die Freundschaft mit dem Begriff der Komplexität. Sowohl im Umgang mit dem gesellschaftlichen Problem wie im Umgang mit der Musik. Danach gibt es eben keinen Königsweg, aber auch eine Erstarrung in Resignation wie Solipsismus bringen nichts Produktives hervor. Sein Bild vom fliegenden Teppich, der Standort und Bewegung zugleich vereine, ist gut gewählt. Und sein Verweis darauf, dass man doch den Gegenstand der Beschäftigung, die Musik, ins Zentrum stellen solle, will gerne entwickelt werden.

Die BGNM mit ihren Gesprächsmoderatoren Ralf Hoyer und Arno Lücker hatten wieder einmal einen guten Riecher bewiesen, indem sie Noltze in die Galerie Mario Mazzoli  einluden. Noltze hatte ein leichtes Spiel, aber vielleicht – und da dreht sich der Hamster im Rad – auch das eine Leichtigkeitslüge, die selbst gemacht ist, jedoch nicht von Noltze zu vertreten ist.

Zuerst erschienen in nmz-online, 11.2.2011

Martin Hufner

Musikjournalist, Lektor, Fotograf.

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